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Das nackte Leben auskomponiert

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Das Gelius Trio mit (von links) Sreten Krstic (Violine), Micaela Gelius (Klavier) und Michael Hell (Violoncello) beim Konzert auf Herrenchiemsee. (Foto: Marco Frei)

Auch Kammermusik entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie ist genauso wenig »absolut« wie jede andere Kunst. Nicht selten finden sich Bezüge zur Philosophie, Literatur oder Malerei. Oftmals sind auch historische, politische oder soziale Hintergründe ganz zentral. Selbst Autobiografisches kann sich zwischen den Taktstrichen verbergen. Schon bei Joseph Haydn finden sich zahlreiche Hinweise oder sogar ganz konkrete Bezeichnungen programmatischer Art.


Im Mittelpunkt steht der Mensch – seine Freude und sein Leiden, das nackte Leben. Dass die Kammermusik eben nicht die »absoluteste« aller Künste ist, wurde bei den »InselKonzerten« auf Herrenchiemsee vom Gelius Trio aus München stringent verlebendigt – kompromisslos, mit beredter Intensität. Für das Gastspiel kooperierte die schöne Kammerreihe mit dem »Musiksommer zwischen Inn und Salzach«, der heuer sein 40. Jubiläum feiert.

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Im Bibliothekssaal des Augustiner-Chorherrenstifts punkteten Micaela Gelius (Klavier) sowie Sreten Krstic (Violine) und Michael Hell (Cello) von den Münchner Philharmonikern mit einer differenzierten Ausdruckskraft. Ein ganz besonderes Hörereignis war das Klaviertrio op. 15 von Bedrich Smetana. Mit dem Werk schrieb sich der tschechische Komponist die Trauer um den frühen Tod seiner Tochter von der Seele. Auf äußerst fesselnde Weise haben die Musiker die unterschiedlichen Gemütsverfassungen reflektiert, was eine große Herausforderung ist. Die Trauer von Smetana wechselt nämlich zwischen freudvoller Erinnerung und desolater Leere, Aufbegehren gegen das Schicksal und religiösem Fatalismus, Wut und Verzweiflung. Im Grunde hat Smetana eine tiefe Depression auskomponiert.

Die innere und äußere Dramatik wurde von den Musikern einnehmend verdichtet – breit und schwer, zerbrechlich luzid, unheilvoll grollend. Zuvor zeigte sich in Franz Schuberts »Allegro« D 28 von 1812 und Haydns Klaviertrio »all’ Ongarese« (Hob. XV: 25) von 1795, wie sehr das 1999 gegründete Trio sein Spiel auch der jeweiligen Epoche anpasst. Mit dossiertem Gebrauch des Vibratos und insgesamt fließenden, raschen Tempi wurde die Klassik von Haydn ausgestaltet.

Das berühmte Finalrondo gibt dem Werk Haydns den Beinamen »all Ongarese«, obwohl es im Grunde nichts mit echter ungarischer Volksmusik zu tun hat. Vielmehr hat Haydn hier eine frühe Kunstmusik mit Zigeunerkolorit geschaffen. Später werden Komponisten wie Johannes Brahms oder Max Bruch hier direkt anknüpfen. In diesem Finalrondo von Haydn fühlte man sich fast schon in einem ungarischen Salon oder Kaffeehaus.

Auch deswegen war es sinnvoll, dass das Gelius Trio nach Haydn die »Café Music« für Klaviertrio von Paul Schoenfield zum Besten gab. Neben Salonmusik und Folklore verarbeitet der Amerikaner in dem 1996 entstandenen Werk auch rhythmisch markante Jazz-Elemente. Manches scheint an George Gershwin zu erinnern. Auch in diesem feurigen, scharf gewürzten Werk verband sich der neue Flügel der »InselKonzerte« ganz wunderbar mit den Streicherfarben – stürmischer Beifall. Marco Frei