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Das Ohr als Schnittstelle von Innen und Außen

Im Rahmen der Reihe »Kunst im Park am Wochinger Spitz« präsentiert der Bildhauer Hannes Stellner in den nächsten Monaten seine Skulptur »Ohr«. Judith Bader, Leiterin der Städtischen Galerie Traunstein und Initiatorin der Reihe, sprach mit dem Künstler.

Seit einigen Jahren schon gibt es das städtische Projekt »Kunst im Park am Wochinger Spitz«. In temporären Präsentationen werden unterschiedlichste bildhauerische Arbeiten präsentiert. Nun wurden Sie als mittlerweile achter Künstler eingeladen und haben ein großes Betonohr im Park installiert. Diese Präsentation ist sehr typisch für Ihr bildhauerisches Werk. Warum erschien Ihnen die Skulptur »Ohr« geeignet für eine Präsentation im öffentlichen Raum?

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Hören geschieht im Übergang von außen nach innen und umgekehrt. Als Schnittstelle verbindet das Ohr den funktionalen Teil des menschlichen Lebens mit dem geistigen, den öffentlichen mit dem privaten. Dabei erscheint mir Hören nach innen noch vielschichtiger, noch wesentlicher. In mehreren Installationen im öffentlichen Raum interveniert das Objekt auf unterschiedliche Weise. Es greift ein in Architektur oder Natur und reflektiert inhaltlich und formal Umgebung, Befindlichkeit oder Geschichte. Teilweise befindet sich das Objekt im Einklang mit der Umgebung, dann wiederum kämpft es dagegen an. Manchmal hinterlässt es bleibende Spuren, manchmal löst es sich auf. Das Ohr löst natürlich in einer Polizeidirektion andere Assoziationen aus als in einer Kirche. Zum Beispiel wurde 2005 das Ohr in einer Installation in der Klosterkirche Traunstein als Modul eingesetzt. Einige hundert Gipsohren lauschten symbolisch als Kirchgänger dem Wort aus der Apsis.

Sie arbeiten ja einerseits als Lehrer in der Fachschule für Holzbildhauerei in Berchtesgaden. Auf der anderen Seite nimmt Ihre Beschäftigung und vor allem Ihr Anliegen als freier bildender Künstler sicherlich einen großen Raum in Ihrem Leben und Denken ein. Was ist Ihnen dabei wichtig, welche Aufgabe hat Ihrer Meinung nach die Bildhauerei heute und was halten Sie von Kunst im öffentlichen Raum?

In guten Phasen bedingen sich die beiden Teile meiner Arbeit, in weniger guten kommen sie sich in die Quere. Wenn man sich zu sehr in theoretische Überlegungen vertieft, wird man von Schülern durchaus auf den Boden geholt, auch weil es bei jungen Leuten weniger Vereinbarungen im Begriffsdiskurs gibt. Meine künstlerische Arbeit ist aber schon der große Motor für alles. Ich denke, die Bildhauerei sollte sich wieder mehr um ihr ureigenstes Anliegen, die Form, kümmern. Die Erarbeitung von Form. Interessant finde ich den Aspekt, dass wir immer noch in einer Zeit der Formzertrümmerung leben. Es gibt viele Konzepte, aber die Form hinkt oft hinterher. Man tut sich schwer subtile, formale Ansätze zu kommunizieren, beziehungsweise zu lesen. Kunst im öffentlichen Raum macht natürlich nur Sinn, wenn wirkliche Bezüge zur Umgebung da sind. Bestenfalls wird der Betrachter mit einbezogen.

Durch das leichte Versenken des waagrecht positionierten Ohres in der Wiese/Erdoberfläche wird eine ganz konkrete Verbindung mit dem Aufstellungsort eingegangen. Ist das beabsichtigt?

Das Ohr ist in der Mitte des bepflanzten Ovals im Park eingegraben, gewissermaßen eine Verweis auf das andere große Kommunikationsorgan, das Auge. Durch das Eingraben ergibt sich schon der Aspekt des In-die-Erde-Hineinhörens. Die Erde hört mit. Das Ohr hat hier aber auch die Form eines Trichters. Eintrichtern ist ja eine Form von Gewalt. Ich denke, es entwickeln sich einige Ambivalenzen. Im Ohr befindet sich zudem der Gleichgewichtssinn des Körpers, sodass dieses feine Wahrnehmungsinstrument auch zu einer Metapher für ökologisches Gleichgewicht gesehen werden kann. Die Evolution hat Hören früher ausgebildet als Sehen. Im jüdisch-christlichen Kulturkreis steht Hören gleichbedeutend für Erkennen und damit für Bewusstwerdung.

Ich verstehe Ihre Arbeit hier im Park auch so, dass eine Möblierung durch Kunst vermieden werden soll. Was denken Sie, wie werden die Reaktionen der Betrachter sein, von denen ja die meisten nicht darauf vorbereitet sind und eher zufällig auf das »Betonohr« stoßen. Welche Resonanz erhoffen Sie oder verbieten Sie sich, an die Reaktionen des Publikums zu denken?

In Ihrer Frage ist schon sehr viel von der Antwort enthalten. An Resonanz denke ich bei der konkreten Arbeit nicht. Natürlich erhofft man sich etwas, klar. Vielleicht gibt es einen Überraschungseffekt. Vielleicht kommt man durch Irritation zum Nachdenken, zu Sensibilisierung. Ich denke, viele werden vorbeigehen, ohne es bewusst wahrzunehmen. Vielleicht bringt aber der Fremdkörper etwas in Gang. Schön wär's natürlich, wenn jemand sein Vergnügen hat und ich weiß es gar nicht.