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»Das Spiel der Nachtigall«

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Das vierköpfige Ensemble der Capella Antiqua Bambergensis umrahmte mit zeitgenössischen Klängen die Lesung von Tanja Kinkel kongenial. (Foto: Heel)

Das Malheur passierte am 21. Dezember 1192 in Erdberg bei Wien. Auf dem Rückweg vom Dritten Kreuzzug saß der englische König Richard Löwenherz, verkleidet als Pilger, hier in einer Schenke.


Aus gutem Grund, hatte er Herzog Leopold V. von Österreich bei der Eroberung der Festung Akkon am 12. Juli 1191 doch zutiefst beleidigt, indem er dessen Fahne herunterriss und dafür sein eigenes Banner hisste. Doch dem Wirt fiel Richards kostbarer Siegelring auf, und als er durch Nachforschungen die wahre Identität seines Gastes erfuhr, ließ er dies sofort Leopold melden. Der nahm Richard umgehend gefangen und verlangte später ein derart riesiges Lösegeld für ihn, dass die englische Wirtschaft dadurch fast in den Ruin getrieben wurde.

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Diese berühmte Gefangennahme ist auch die Ausgangssituation von Tanja Kinkels neuem Roman »Das Spiel der Nachtigall«, den sie jetzt im Rahmen der 19. Steiner Literatur- und Medienwoche in der Aula der Schule vorstellte. 1969 in Bamberg geboren, gehört sie mit Romanen wie »Die Puppenspieler« oder »Die Löwin von Aquitanien« zu den erfolgreichsten Autorinnen Europas.

Minnesänger-Denkmal

Mit ihrem Werk »Das Spiel der Nachtigall« setzte sie dem wohl berühmtesten Minnesänger des Mittelalters ein Denkmal: Walther von der Vogelweide. Ein spannender, gut recherchierter Roman, der dem Leser einen guten Einblick in die betreffende Zeit bietet, mit seinem Umfang von über 900 Seiten aber keine Lektüre für zwischendurch ist. Eingefügt sind auch Texte von Walther von der Vogelweide, zu denen aber keine Noten erhalten sind.

Musikalisch begleitet wurde Tanja Kinkel an diesem Abend vom vierköpfigen Ensemble der Capella Antiqua Bambergensis, das mit zeitgenössischen Klängen die Lesung kongenial untermalte. Doch bevor die Besucher in jene Schenke entführt wurden, die Richard zum Verhängnis geworden war, erfreute der 11-jährige Schloss-Stein-Schüler Maximilian Höfer am Klavier das Publikum mit einer blendend interpretierten »Fantasia« von J. S. Bach.

Dann erlebte man mit, wie der Minnesänger, ein unerschrockener, aber noch unerfahrener Jüngling, mit seinem Knappen Markwart im Bunten Ochsen absteigt und sogleich versucht, den Blick der Wirtin auf sich zu ziehen. Wenig später lernen sie einen Gast kennen, der sich Peregrinus nennt, also Kreuzfahrer oder Fremder, und der zu Walthers Überraschung mehrere Lieder auf Lager hat. Bis plötzlich eine Schar Bewaffneter in den Raum eindringt, mit Herzog Leopold an der Spitze. Peregrinus bzw. Richard Löwenherz ergibt sich, und Walther gewinnt das Wohlwollen des Herzogs, indem er behauptet, er habe den König auffliegen lassen. Abschließend drängt er darauf, dass Richard seine Zeche bezahlt, und gewinnt so auch noch die Gunst der Wirtin. Und so endet der Tag, an dem Walther einen König kennenlernte und zum ersten Mal mit einer Frau schlief.

Ein Tag, der auch durch das brillante Spiel der Capella Antiqua Bambergensis wieder lebendig wurde, das anhand alter Instrumente wie Pommern, Platerspielen, Sackpfeifen, Fideln und fränkischer Heertrommeln rhythmusbetont, geheimnisvoll und mystisch die Zuhörer gefangen nahm. Als Zugabe der mit viel Applaus bedachten Lesung rezitierte Tanja Kinkel dann noch einen Text von Walther von der Vogelweide: »Das Paradies ist mir verwehrt.«

Wolfgang Schweiger