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Das Wesen der Bayern – ironisch aufgespießt

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»De-Prämierend« spielt auf eine blamable Verwechslung von König Maximilian II. bei der Ordensverleihung auf dem Münchner Oktoberfest an. (Foto: Effner)

Wie weit darf Satire gehen? Während sich im ganzen Land nach Jan Böhmermanns Schmähkritik am türkischen Regierungschef Erdogan die heißdiskutierten Köpfe wieder langsam abkühlen, zeigt uns Rosemarie Zacher, dass Humor nicht immer beißend, im Riesenformat oder mit dem Dampfhammer daherkommen muss. In der aktuellen Ausstellung mit 79 Werken im Kloster Seeon lädt uns die Münchnerin auf angenehme Art ein, den Witz in den Grotesken des Alltags, den Eigenheiten unserer Mitmenschen oder in den Auftritten der Großkopferten zu entdecken.


Programmatisch deutet bereits der Bildtitel »Der Gwamperte, die Gschlamperte, der Kini und die restliche Bagage« auf ein vergnüglich-buntes Panoptikum an Karikierten hin, die Zacher in ihren Plastiken, Gemälden und Grafiken aufmarschieren lässt. Ähnlich wie Gerhard Polt mit pointiertem Wortwitz die Schwächen seiner Mitmenschen genüßlich aufspießt, arbeitet Rosemarie Zacher die Schrullen der von ihr Porträtierten mit virtuos gesetzten Bleistiftstrichen und der Radiernadel heraus. Da sind die Skat-Zecher beim »Wirtschaftsgipfel« oder die versoffenen Wirtshausbrüder mit dem Maibaum in der Hand (»Maibuam«), deren grelle Visagen an Bilder von George Grosz oder Otto Dix erinnern. Vom saturiert-stumpfsinnigen Herrn Pfarrer in der »Prozession« (the same prozession as every year) mal ganz abgesehen.

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Mit Blick auf die Ironie im Zwischenmenschlichen lässt Zacher das Herzklopfen vor der nackten Angebeteten über-steigernd-furios zu bedrohlichen »Herzrhythmusstörungen« hochschießen. Vielleicht tritt nicht zuletzt noch der Notarzt auf den Plan. Auch die Wittelsbacher bekommen ihr Fett kräftig weg. Den barocken Kurfürsten Max Emanuel zeigt Zacher »oben ohne« mit zwei barbusigen Gespielinnen in der Badewanne vor einer Wandtapete, für die die Künstlerin ideenreich einen Geschenkpapier-Ausriss zweckentfremdet hat. Das Bild »Erzherzöge im Angebot« nimmt die schwierige Heiratspolitik aufs Korn, während »De-Prämierend« auf eine blamable Verwechslung von König Maximilian II. bei der Ordensverleihung auf dem Oktoberfest anspielt. Riesenhaft und mit fragenden Gesichtern beugen sich die Potentaten aus Preußen, England und Österreich in »Neuling« über eine Karte Europas, auf der als verlorener Winzling der 1806 neu gekürte König von Bayern das offensichtlich rutschige, diplomatische Parkett betritt.

Faszinierend an der Ausstellung ist auch die technische Virtuosität und erkennbare Lust, mit der Rosemarie Zacher unterschiedliche Techniken ausprobiert, kombiniert und vertieft. Monotypien, seltene Intagliotypien mit Fotodruck, Grafiken, Collagen und Acryltechnik werden mit minutiösen Bleistift- oder Federzeichnungen kombiniert, um das Charakteristische im Ausdruck herauszuarbeiten. Andererseits lösen sich Körper ganz im Strich auf (»They can CanCan«, »Prada und Gutschi«), werden zur flächenhaften Silhouette eilends nach Hause stürmender Kongressbesucher (»Nichts wie heim«) oder lösen sich gleich in abstrakter Formensprache auf. Unübertroffen in ihrer Skurrilität versammelt sie in den Plastiken aus handgeknetetem Lehm mit ihrer kalkig-weiß gesinterten Patina ironisch Archetypen unterschiedlicher Epochen: der Joviale, der Taktierer, der Vorsichtige, der Verstockte oder die grauen Eminenzen der »Bischöfe«.

Angesichts dieses Wort- und Witzreichtums, dieser von genauer Beobachtungsgabe gespeisten, technischen Raffinesse und dieses breiten thematischen Spektrums mag es nicht verwundern, dass Rosemarie Zacher als freie Künstlerin, Buch-, Zeitungs- und Magazin-Illustratorin, Kunstdozentin und Museumspädagogin sowie ehemalige Lehrbeauftragte der LMU München sehr gefragt ist. Zum Glück ist das Kunstgeschichtsstudium nicht nur Theorie geblieben, sondern hat ihre praktische Arbeit inspiriert. Seit 1989 leitet die mit dem Günther Klinge Preis (1997) und dem Pasinger Kunstpreis (2012) ausgezeichnete Künstlerin die »Schule der Fantasie« in Gauting. 2009 war sie zusammen mit Susanna Partsch für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Die Ausstellung ist bis zum 20. November täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Ergänzend dazu gibt es ein Begleitpro-gramm, darunter Führungen (7. Mai, 2. und 3. August, je-weils um 14 Uhr und am 18. September um 12 Uhr) und kreative Zeichenkurse sowie Bastelworkshops für Kinder. Mehr Infos gibt es unter www.kloster-seeon.de. Axel Effner