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DEB-Wagnis: Ein Drittliga-Coach als Bundestrainer?

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Toni Söderholm
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Der Finne Toni Söderholm könnte neuer Bundestrainer werden. Foto: Fabian Sommer Foto: dpa

Eine Bestätigung gibt es noch nicht. Dennoch gilt die Verpflichtung des Finnen Toni Söderholm als Eishockey-Bundestrainer als wahrscheinlich. Es wäre ein Wagnis: Mit ausländischen Trainern sah der DEB zuletzt alt aus.


München (dpa) - Der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) geht ins Risiko. Greg Poss, Jakob Kölliker und Pat Cortina zählen nicht mehr.

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Nach der Ära Marco Sturm, der als erfolgreichster Bundestrainer der DEB-Geschichte in die NHL gegangen ist, wird dessen Nachfolger aller Negativ-Erfahrungen zum Trotz wieder ein ausländischer Coach sein und dem Vernehmen nach Toni Söderholm heißen. Der 40 Jahre alte Coach des Drittligisten SC Riessersee ist heißester Kandidat als Bundestrainer.

Bestätigen will der DEB dies angesichts der gerade laufenden U20-B-WM in Füssen nicht. Dort steht Deutschland - mit Söderholm als abgestelltem Co-Trainer - vor dem Wiederaufstieg. Am Samstag gegen Frankreich (16.30 Uhr) ist für das Team von Trainer Christian Künast dafür noch ein Punkt nötig. »Zunächst steht weiterhin die U20-WM im Fokus«, sagte DEB-Chef Franz Reindl am Freitag. Der Aufstieg nach drei Jahren Zweitklassigkeit soll durch keine Ablenkung gefährdet werden. Und sei es nur durch eine Bestätigung von Berichten der »Eishockey News« und »Bild« vom Donnerstagabend, die sich am Freitag als wahrscheinlicher erwiesen, aber weder offiziell noch inoffiziell bestätigt wurden.

»Es gibt nichts zu vermelden«, sagte DEB-Chef Reindl der Deutschen Presse-Agentur dazu. Daran hielten sich auch informierte Vertreter aus der Deutschen Eishockey Liga. Zuletzt wurden gehandelten Namen, die sich als falsch erwiesen, stets sofort dementiert. Dies ist nun anders. Söderholm passt zudem bestens ins Profil, auch wenn die Personalie riskant erscheint.

Laut »Bild« zeigten im Sommer die DEL-Clubs Wolfsburg und Düsseldorf Interesse an Söderholm, der erst 2016 seine Spielerkarriere als Meister beim EHC Red Bull München beendet hatte. Doch der Finne, zum Trainer des Jahres in der DEL2 gekürt, ging lieber mit dem SCR in die Oberliga. Dazu sah sich der Traditionsclub aufgrund finanzieller Schwierigkeiten gezwungen, nachdem er die Hauptrunde in der zweiten Liga noch gewonnen und erst im Playoff-Finale den Bietigheim Steelers unterlegen war. Was den Aufstieg vom Drittliga- zum Bundestrainer relativiert. Sturm zudem hatte 2015 gar keine Trainer-Erfahrung, als Reindl ihn überraschend zum Bundestrainer machte und belohnt wurde.

An Riessersee wiederum ist Söderholm nur von Red Bull München abgestellt. Beim deutschen Meister steht der Finne immer noch als »Entwicklungscoach« unter Vertrag. Ehemalige Spieler beschreiben den 40-Jährigen als exzellenten Fachmann, akribischen Arbeiter und intelligent. Söderholm gilt zudem als Sprachentalent, auch deutsch beherrscht er bestens. Dies ist dem DEB wichtig. Dass der neue Mann an der Bande auch Deutscher ist, eher weniger. »Die Qualität ist entscheidend«, sagte Reindl dazu.

Und von der ist der DEB beim Finnen offenbar überzeugt - wie in diesem Jahrhundert auch schon beim US-Amerikaner Poss, dem Schweizer Kölliker und dem Italo-Kanadier Cortina. Deren Bilanz als Bundestrainer war dagegen teils verheerend. Richtig erfolgreich war Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten immer nur dann, wenn auch ein Deutscher Bundestrainer war. »Das scheint schon einen Unterschied zu machen«, räumte Mannheims Stürmer David Wolf beim Deutschland Cup ein. Dennoch schränkten da schon die meisten Spieler ein, dass der neue Mann zumindest deutsch in der Kabine sprechen solle.

Immerhin tat Kölliker dies auch. Bei der WM 2012 verspielte Deutschland dann die sicher geglaubte direkte Olympia-Qualifikation für Sotschi 2014 unter anderem mit einem blamablen 4:12 gegen Norwegen. Cortina, menschlich und fachlich ebenso wenig infrage gestellt, ging 2013 als der Coach in die Geschichte ein, der die Qualifikation für Sotschi dann endgültig beim Turnier in Bietigheim verspielte - als erster Bundestrainer überhaupt. Und unter dem hochgelobten späteren Mannheimer Meistercoach Poss stieg Deutschland 2005 bei der WM in die B-Gruppe ab. Entkräften kann der DEB derlei Vergleiche nicht. Weil er beharrlich schweigt.