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»Dem Leben die Musik einpflanzen«

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Der Dirigent, Musiker und Organisator vieler künstlerischer Veranstaltungen, Hans Leonhardt, wird am morgigen Sonntag 75 Jahre alt. (Foto: Giesen)

Ein Genius der besonderen Art ist Hans Leonhardt, der seit über 35 Jahren das kulturelle Leben im Chiemgau und weit darüber hinaus bereichert. Am morgigen Sonntag wird er 75 Jahre alt und denkt noch keineswegs daran, mit seiner künstlerischen Arbeit aufzuhören.


Hans Leonhardt war Gründer und musikalischer Leiter der Chiemgau-Festspiele, wobei er 1987 zum ersten Mal Mozarts »Zauberflöte« in großem Rahmen in Traunstein auf die Bühne brachte, im Abstand von jeweils zwei oder drei Jahren dann »Orpheus und Eurydike«, »Die Entführung aus dem Serail«, »Fidelio«, »Anatevka« und zuletzt 1998 noch einmal die »Zauberflöte«, neu inszeniert. 1980/81 gründeten Hans Leonhardt und seine Frau Inge das Kammerorchester »Die Brücke« und fünf Jahre später die Kulturfördergemeinschaft gleichen Namens.

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Bei allem Aufführungen und Konzerten legte Leonhardt immer Wert darauf, Länder- und Nationen übergreifend auch gute Musiker zum Beispiel aus Ungarn, der Ukraine oder Kanada in den Chiemgau zu holen. Seit 2007 organisiert und leitet Leonhardt in jedem Jahr das Chiemgau-Symposion, das im Grabenstätter Schloss stattfindet. Bestimmte Themen wie »Lebendiges Wasser« 2007, »Bäume« ein Jahr später, »Geld und Geist« oder »Unverfälscht leben- Initiation des Herzens« im letzten Jahr werden mit Vor-trägen hochrangiger Referenten, Musik und Gesprächskreisen nach vielen Seiten hin beleuchtet und »mit Geist und Seele« neu angeschaut. Immer findet im Rahmen des Symposions auch ein Konzert statt.

Schon bei den Titeln dieser Symposien wird deutlich, dass Hans Leonhardt eine besondere, eher ungewöhnliche Art hat, an die Dinge heranzugehen. Die ergibt sich auch aus seiner Lebensgeschichte. 1940 in Pforzheim in einem musikalischen Elternhaus geboren verlebte Leonhardt eine harmonische Kindheit und Jugend. Immer spielte die Musik eine große Rolle. Hans‘ erster Geigenlehrer war Eduard Tomciczek, der nach dem Krieg hatte fliehen müssen, so dass Leonhardt früh auch mit anderen Kulturkreisen in Berührung kam.

Die Eltern nahmen auch Flüchtlinge aus Mähren in ihrem Haus auf. »So konnte ich schon damals den Menschen zeigen, was wir für eine musikalische Kultur haben«, erinnert sich Leonhardt. Nach dem Abitur in Bretten, wo Hans bereits zu der Zeit Preise in Musik und Bildender Kunst gewonnen hatte, studierte er Musik an der Musikhochschule in Karlsruhe mit Schwerpunkt auf Kammermusik, Orchester und Violine. Es folgte ein Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie in Tübingen. Zur Finanzierung des Studiums und auch während der Schulzeit gab er immer Musik-unterricht und wirkte bei mehreren Orchestern und in der Kammermusik als Violinist mit. 1964 erfolgten Konzertreisen mit dem Tübinger Studentenorchester nach Afrika, 1965 nach Asien, so dass er viel von der Welt sah.

1965 gründete Leonhardt das »Leonhardt-Quartett« in Tübingen, das zu der Zeit sogar den Colmar Grand-Prix gewann. 1970 legte Leonhardt das erste Staatsexamen in Naturwissenschaften ab, 1971 das zweite pädagogische Staatsexamen, so dass er an höheren Schulen unterrichten konnte. Nach einer Zeit an der Realschule in Bietigheim, wo Leonhardt Mathematik und Biologie unterrichtete, wechselte er bald an die Rudolf-Steiner-Schule im Ruhrgebiet in Bochum, wo er Klassenlehrer war, den Oberstufenchor und das Orchester leitete. Hier lernte er auch seine Frau kennen, die ebenfalls Waldorflehrerin war. 1979 zogen die beiden in den Chiemgau, nach Grabenstätt. Hier waren sie selbstständig tätig, so wie auch heute in ihrer Wohnung in Traunstein.

»Dem Leben die Musik einpflanzen – war immer mein erstes Motiv, bringt Hans Leonhardt sein künstlerisches Leben auf einen Nenner. Auch mit 75 Jahren hat er noch sechs Geigen- und Klavierschüler, und unterrichtet zusätzlich zwei junge afghanische Flüchtlinge und einen Senegalesen in Geige, und »deutschem Gesang«, wie Leonhardt betont. Er hat durchaus noch Pläne und Wünsche. Zum Beispiel würde er gerne eine Art Verein zur Förderung der Künste im Chiemgau gründen. »Ich brauche noch gleich gesinnte Menschen«, erklärt er.

Wir gratulieren zum Geburtstag und wünschen noch viele weitere kreative Jahre. Christiane Giesen