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Demaskierter Märchenstoff

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Ein lebendiger Märchenabend im k1-Studio: Erich Schleyer schlüpfte in darstellerischer Brillanz in die Rollen unterschiedlichster Märchenfiguren. (Foto: Benekam)

Grimms Märchen sind nach der lutherschen Bibelübersetzung das meistgelesene Werk der deutschen Sprache. Trotzdem hat die deutsche Märchenforschung bisher nicht mehr erbracht als Mutmaßungen über Symbolisches, Vergleiche mit fremden Märchenkulturen und allerlei philologisches Rankenwerk.


Erich Schleyer, Schauspieler, Drehbuch- und Kinderbuchautor, gräbt mit seinem Programm »Wer hat Angst vorm bösen Wolf« ganz tief nach den »Sinnwurzeln« und demaskiert so manchen Märchenstoff. Bei seinem »Märchenabend« der besonderen Art präsentierte er dem k1-Publikum in intimer Atmosphäre des Studios geschichtliche Fakten und beleuchtete in gut verständlichem Vortrag ihre möglichen psychologischen Hintergründe.

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So erstellte er wahre Psychogramme der einzelnen Märchenfiguren, tauchte tief in die Abgründe der menschlichen Seele ein, schlug Brücken ins Heute. Ein spannender wie aufschlussreicher Theaterabend, der von dem Duo »SainMus« mit Gitarre und Cello aufs Genialste musikalisch illustrative Begleitung fand.

Im Verlauf des Abends gelangten die hoch konzentrierten und immer wieder überraschten Zuhörer zu ganz anderen Sichtweisen über mögliche »Wahrheiten« oder Varianten der altbekannten Märchen: Was, wenn Rotkäppchen den bösen Wolf überlistet? Wenn es sich emanzipiert und sich gar nicht erst fressen lässt, den Täter zum Opfer macht, das Frauen fressende männliche Untier besiegt und es in rasender Wut im eigenen Saft ersticken lässt?

Sind die Bremer Stadtmusikanten nichts anderes als eine moderne Rentnergang, die sich wehrhaft an die Front gegen Abschiebung, gesellschaftliche Ausgrenzung und Altersdiskriminierung begibt? Und Blaubart? Manipulativer Frauenverachter par excellence, der seine Frau auf die Probe stellt und ihre Neugier, die ihr zum Verhängnis wird, mit einem grausamen Tod bestraft. »Wir haben alle so ein Blaubartzimmer in uns«, so Schleyer. Damit meint er die in jedem Menschen schlummernde Fähigkeit zum Morden.

Das Duo »SainMus« stimmte, treffsicher inszeniert, in dissonantem Spiel und variationsreicher Interpretation, das alte Kinderlied »Maikäfer flieg« an und verstärkte damit das kalte Schaudern im k1-Studio.

Erich Schleyer machte sich seine immer währende Anziehungskraft zunutze. Er lässt Märchen lebendig werden, lässt den Zuschauer mit dem bösen Wolf auf Tuchfühlung gehen, lässt in fantastischer Erzählweise den verführerischen Duft der Rapunzeln durch den Raum strömen und macht in grandioser mimisch-gestischer Ausgestaltung deutlich, dass den Räubern bei soviel horrorhaften Erscheinungen im »besetzten Haus« nur die Flucht blieb, um diesen Ungeheuren zu entkommen.

Seine Musikerkollegen sind weit mehr als schmückendes Beiwerk, sie sind gleichgestellte Partner einer modernen »Märcheninszenierung«. Nach einem Applaus, der den bösen Wolf in die Flucht geschlagen hätte, gab es noch eine Erzählzugabe, in der der immer noch nicht müde Erich Schleyer noch einmal tief in die sprachliche und darstellerische Trickkiste griff. Kirsten Benekam

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