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Den Raum selbst zum Kunstwerk erhoben

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Inge Cascante neben ihrem »Stella«-Bild, das mit dem starrenden Auge den Betrachter irritiert. (Foto: Mergenthal)

Die kraftvolle Gestaltung des Raumes »Altes Feuerhaus« in Bad Reichenhall durch Inge Cascante hat etwas Erhabenes, eine befreiende und ungekünstelte Dynamik, etwas Erfrischendes. Sie entspricht der Persönlichkeit dieser besonderen Künstlerin, die ihre Werke bis 7. Juli in der städtischen Galerie am Ägidiplatz 3 zeigt.


»Es ist das erste Mal, dass jemand den Raum ganz und gar einbezogen hat«, zeigte sich Kulturreferentin Monika Tauber-Spring begeistert von der »äußerst anregenden Art der Präsentation, die weiter wirkt«. Neben dieser Sensibilität für Räumlichkeit und Gesamtästhetik hob Kunstakademie-Direktorin Brigitte Hausmann die philosophische Dimension der Ausstellung »Farbwelten« hervor: Es gehe um das Empfinden des Menschen in der Welt und dessen Spiegelung in der Kunst. Eine Verkürzung auf die Faktoren Farbe und Form werde dem Werk nicht gerecht.

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Räume inspirieren Inge Cascante

Bereits vor einem Dreivierteljahr besichtigte Inge Cascante den Ausstellungsraum, vermaß alles und fertigte wie ein Architekt ein Modell an. »So bin ich zur Kunst gekommen. Ich habe für Räume gemalt. Räume inspirieren mich«, erzählte die frühere Juristin. Vor 14 Jahren entschied sich die ehemalige Rechtsanwältin aus Stuttgart, geboren 1962 in Wuppertal, für ein Leben als hauptberufliche Malerin. Seit zehn Jahren bildet sie sich zweimal im Jahr bei Gerhard Almbauer an der Kunstakademie Bad Reichenhall weiter.

Einige extreme Quer- und Hochformate in den Maßen 240 mal 50 Zentimeter hat sie eigens für das Feuerhaus gemalt. Sie gehören zu ihrer »Stella«-Reihe. In Schütttechnik lässt sie mit Acryl und Bitumen auf der Leinwand bewegte Strukturen entstehen. Zu einem Teil war der Zufall Formgeber, zu einem Teil die eigene Idee.

Einige Bilder wirken sehr ornamental, ein anderes in Rot- und Gelbtönen hingegen erinnert zusammen mit dem lavaähnlichen Bitumen an eine Krater- oder Wüstenlandschaft. »Bei den 'Stella'-Bildern ist die Welt im Fluss. Sie bewegt sich. Denn 'Stella'-Bilder sind Explosionen. Ein Sternenhimmel mit einer Vielzahl von Sternen, die das Gesamtbild schaffen, das auf uns vollendet wirkt und doch ständig in Bewegung ist«, sagt die Künstlerin.

Drei Werke greifen die Formen der Säulen links vom Eingang auf, drei weitere treten in Dialog mit der Treppe auf die Galerie. In zwei »Stella«-Bildern irritiert sie den Betrachter auf zweifache Weise: Ein Riss in der Leinwand stört den Bewegungsfluss. Aus dem Riss betrachtet den Betrachter ein Auge.

Eine ganz andere Welt sind Cascantes »Mundus-Bilder«, die für sie die statische Seite der Wirklichkeit widerspiegeln. Sie setzen sich aus vielen kleinen Einzelbildern zusammen, die für die vielen individuellen Welten stehen. Eindrucksvoll ist hier »Mundus novus/erdig, rot 1.0«.

Mini-Bilder als eine Art Daumenkino

Die Mini-Bilder erinnern an eine Art Daumenkino – isolierte, aber in sich lebendige Sequenzen eines Films. Pastos hat Cascante hier erdige Töne mit der Spachtel aufgetragen. Felsen, Wasser, Erd- oder Eisschollen und vielleicht sogar Pinguine oder andere Tiere scheinen in dem Bild zu stecken. Ein besonderer »Klang« entsteht durch eingestreute kleine knallrote Quadrate und Rechtecke und ein großes rotes Quadrat.

Reduktion und Konzentration zeichnen auch einen hervorragend gelungenen, poetischen Akt aus. Mit Acryl und Ölkreide hat die Malerin in Weiß-, Braun-, Schwarz- und Ockertönen den Körper gekonnt modelliert. Sie verzichtet auf die Darstellung des Kopfes und deutet ihn im Hals- und Kinnbereich nur an. Der Blick der Frau ist dennoch spürbar, sie tritt als Person in Erscheinung. Die mit dem Raum verschmelzende und doch klare Gestalt vermittelt eine ganz bestimmte Stimmung. Der zusätzliche Effekt des über das Bild gelegten weißen Schriftzugs kann den Gesamteindruck der Figur nicht toppen.

Vielschichtige abstrakte Kompositionen, bei denen oft Rot dominiert, ergänzen die Werkschau, zu sehen montags bis freitags jeweils von 15 bis 18 Uhr und samstags von 11 bis 14 Uhr. Veronika Mergenthal

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