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»Der Affront«: Drama über Unrecht und Menschlichkeit

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Ziad Doueiri
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Ziad Doueiri (Regiepreis International) hat in München in diesem Jahr den Friedenspreis des deutschen Films bekommen. Foto: Felix Hörhager Foto: dpa

Es ist nur ein kleines Wort: Entschuldigung. Doch das auszusprechen, ist oft schwer. Vor allem, wenn die Ursache für den Streit tief in der Vergangenheit liegt. So wie im Drama »Der Affront«, das ein Plädoyer für Würde und Mitmenschlichkeit ist.


München (dpa) - Der Nahe Osten ist seit Jahrzehnten ein Krisenherd. Bürgerkriege, Revolutionen und konfessionelle Auseinandersetzungen bieten jede Menge Zündstoff. Bereits Kleinigkeiten können schlimme Folgen haben.

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In dem libanesischen Oscarbeitrag »Der Affront« ist es ein Streit über ein Abflussrohr an einem Balkon in Beirut. Der Mechaniker Toni und der Bau-Vorarbeiter Yasser geraten heftig aneinander. Der eine ist Christ und Libanese, der andere ein palästinensischer Flüchtling, ein Moslem. Die Lage eskaliert, aus dem Wortgefecht wird eine heftige Auseinandersetzung, die schließlich vor Gericht landet.

Regisseur Ziad Doueiri macht deutlich, wie tief die Wunden sind, die Jahre des Bürgerkrieges und der inneren Spannungen im Libanon und der ganzen Region hinterlassen haben. Gleichzeitig macht »Der Affront« auch Hoffnung, als packendes, bewegendes Plädoyer für Menschlichkeit.

Der Anlass für die Auseinandersetzung zwischen Toni und Yasser ist vergleichsweise nichtig. Toni (Adel Karam) spritzt seinen Balkon mit dem Schlauch ab. Dabei läuft Wasser auf die Straße, ausgerechnet in dem Moment, als ein Bautrupp unten vorbeiläuft. Der Vorarbeiter Yasser (Kamel el Basha) wird nass und bietet an, das defekte Abflussrohr des Balkons zu reparieren. Toni lehnt empört ab, doch Yasser macht sich trotzdem ans Werk und bringt alles in Ordnung.

Was folgt, ist eine Posse wie aus dem Kindergarten, mit ernsten Folgen. Erst sind es verbale Beschimpfungen, bald kommt es zu körperlicher Gewalt. Schließlich stehen sich die beiden unversöhnlich vor Gericht gegenüber und auch in der Stadt kommt es zu Unruhen.

Es geht nicht nur um verletzten Stolz. Es sind die Wunden der Vergangenheit, die plötzlich aufreißen. Yasser, der als Palästinenser die Erinnerungen an Flucht und Vertreibung noch nicht verwunden hat. Und Toni, der auch Grausames erlebt hat in dem kleinen, christlichen Dorf, in dem er vor vielen Jahrzehnten mit seiner Familie lebte. Dabei scheint es so einfach, wollen doch beide Männer eigentlich das Gleiche: mit ihren Familien in Frieden leben. Doch sie sind gefangen, in den Schrecken ihrer Vergangenheit, den Vorurteilen und den Erwartungen der Gesellschaft. Der Streit ist zum Politikum geworden und sorgt für Unruhe und Aufstände in der Stadt.

Regisseur Doueiri gelingt es eindrücklich, diese Spannungen deutlich zu machen. »Der Krieg ist seit 1990 zu Ende, aber nicht in den Köpfen der Leute«, ist ein Satz aus dem Film. Gemeint ist der Bürgerkrieg, der ab Mitte der 1970er Jahre im Libanon getobt hatte. »Es geht um den Wunsch nach Würde. Beide Hauptfiguren wurden in ihrer Ehre und in ihrer Würde verletzt. Dafür machen sie den anderen verantwortlich«, erklärt der Filmemacher.

Dabei hat Würde für den gebürtigen Libanesen, der mit 20 in die USA ging, viel mit Anerkennung zu tun: Anerkennung des Leids und des Unrechts, das beide Seiten während des Krieges erlitten haben: »Niemand hat das Monopol auf Leiden, niemand«, heißt es deshalb auch im Film.

Der Affront, Libanon, Belgien, Frankreich, Zypern, USA 2017, 113 Min., FSK ab 12, von Ziad Doueiri, mit Adel Karam, Kamel el Basha und Rita Hayek

Der Affront