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Der Herr der Kugeln

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So bleibt er in Erinnerung: Hans Thurner bei der Arbeit an einem Schiff aus dem für seine Skulpturen lange ungewöhnlichen Material Holz. (Fotos: Graichen)

Hans Thurner, bekannter Bildhauer aus dem Chiemgau und Altbürgermeister von Obing, ist in seinem KUNSTALL bei Fachendorf in der Gemeinde Pittenhart im Alter von 66 Jahren verstorben. Es heißt Abschied zu nehmen von einem Botschafter der Kunst im Chiemgau, der wie kein anderer die Verankerung in der Region mit modernem Kunstverständnis und Kreativität verbunden hatte.


1951 auf einem Bauernhof in Landertsham in der Nähe des Griessees geboren, lange in der Landwirtschaft tätig und auch dort neue Wege gehend, sowie 18 Jahre lang Erster Bürgermeister von Obing, fand Hans Thurner im Schaffen außergewöhnlicher Skulpturen den Weg, seiner Weltsicht künstlerischen Ausdruck zu verleihen.

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Bauer, Bildhauer, Bürgermeister

Schon als Jugendlicher interessierte sich Thurner für die bildende Kunst und fuhr beispielsweise mit dem Moped nach Wasserburg zu Ausstellungen. Die Initialzündung für seine eigene künstlerische Tätigkeit schilderte er einmal so: »Im Wald hab ich einen Haufen alter Schuhe gefunden und mir gedacht, da könnt man was draus machen«. Dieses »was« waren zunächst einmal Collagen und Objektkästen aller Art mit Fundstücken aus der Vergangenheit, in denen sich die Vergänglichkeit allen menschlichen Seins quasi von selbst manifestierte.

Immer wieder regten Hans Thurner Materialien aus seinem ländlichen Umfeld zu neuen Ideen an, aus den Häuten geschlachteter Tiere wurden Landschaften, aus dem Blech alter Maschinen entstanden Blechbilder. Vom Blech zum massiven Stahl war der Weg nicht mehr weit und neben dem Material waren es Grundformen, die für Hans Thurner eine Quelle der Inspiration waren. Am Anfang stand die Fläche, die wurde aufgebrochen durch den Keil und der Weg in die Dreidimensionalität beschritten, und irgendwann landete Hans Thurner bei den Kugeln, für die er in der Region und darüber hinaus bekannt war und ist – Kugeln als Sinnbild des Universums und der Suche nach Ganzheit.

Begleitet wurde er auf diesem künstlerischen Weg seit 1980 von seiner Künstler- und Lebenspartnerin Ute Lechner. Im spannungsreichen und fruchtbaren Zusammenwirken der beiden Künstlerpersönlichkeiten entstanden Skulpturen, Objektkästen, Bewegungsmaschinen und Kunstaktionen, jedes Kunstwerk auf seine Weise kreative Auseinandersetzung mit Grundfragen menschlichen Seins.

Das Schaffen des Künstlerpaars fand weit über die Region hinaus Anerkennung, ihre Werke wurden auf Ausstellungen von Traunstein bis Budapest, von Wien bis Berlin gezeigt. Auch bei »NordArt« in Büdelsdorf in Schleswig-Holstein, einer der größten jährlichen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Europa, waren Hans Thurner und Ute Lechner vertreten. Ihre Skulpturen stehen im öffentlichen Raum, von Wasserburg bis Dresden, und auch das Fernsehen interessierte sich für ihre Kunst. In der Region war ihre Initiative von großer Bedeutung, in Skulpturenwegen ihre Mitbürger mit moderner Kunst zu konfrontieren, seit 1988 in Wasserburg entlang des Inns, ab 1999 in Obing rund um den See.

Zu anderen Ufern

In letzter Zeit faszinierte Hans Thurner ein neues Objekt: Schiffe. Schiffe als Ausdruck des Aufbruchs in neue und ferne Welten, als Brücke zu anderen Kulturen, Menschen und Realitäten – und zwischen den Zeiten. Denn Schiffe erinnerten den Künstler – und den Betrachter – auch an Archaisches, an die Einbäume der Vorgeschichte und die Arche Noah der Bibel.

Der Titel einer Skulptur aus dieser neuen Serie – »Zu anderen Ufern« – hätte nach dem Wunsch Hans Thurners über einem neuen Lebensabschnitt stehen sollen, mit dem künstlerischen Schaffen im Mittelpunkt. Diese Vision wurde jäh beendet durch die Krankheit, die den Künstler erblinden ließ, und nun durch seinen plötzlichen Tod. Inge Graichen

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