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»Der Käfig ist mein Zuhause«

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Kampfsport im Käfig: Darin hat Christian Lochner aus Schönau am Königssee seine Erfüllung gefunden. Foto: privat

Schönau am Königssee - Christian Lochner aus Schönau am Königssee wurde vor kurzem in Vorarlberg Europameister in der noch jungen Sportart Mixed Martial Arts (MMA/wir berichteten kurz). Jung deswegen, weil die aus dem antiken Griechenland stammende Sportart erst 1980 wiederentdeckt wurde. Der Europameister trainiert sieben- bis zehnmal pro Woche vornehmlich beim Polizeisportverein in Salzburg, gehört aber auch dem TSV Berchtesgaden an. Die Heimatzeitung unterhielt sich mit dem 22-Jährigen über diese außergewöhnliche Sportart.


Was bedeutet Ihnen der Europameistertitel?

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Christian Lochner: Der Titel ist für mich Nebensache, wenn mich der Erfolg auch gefreut hat. Ich bin in den Titelkampf nachgerutscht, weil sich ein Kämpfer verletzt hat. Dennoch habe ich meinen ersten Profikampf gegen den Brasilianer Maicon gewonnen, der wirklich ein harter Brocken war.

Landläufig wird MMA ja als brutaler Sport angesehen.

Lochner: In einer ungerechten Welt des Krieges, Terrors und Kindesmissbrauchs ist die Gewalt definitiv nicht im Kampfsport zu suchen, egal, nach welchen Regeln man kämpft. Es bleibt jedoch ein sehr grober Sport, das gebe ich zu.

Wie sieht es mit Verletzungen aus?

Lochner: Als Berchtesgadener hält man schon ein bisschen etwas aus und lässt sich nicht alles gefallen. Die komplizierten Knieverletzungen meiner früheren Fußballfreunde haben da wohl schlimmere Folgen. Außerdem steigt keiner in den Ring, der nicht topfit ist.

Wie sieht das Training aus?

Lochner: Unser Kraftausdauer-Training bezeichnet man als Cross Fit oder Cross Sports, eine Mischung aus gesondertem Lauf- und Zirkeltraining. Besonders im Free Fight ist der ständige Wechsel zwischen Boden- und Standkampf sehr anstrengend. Man benötigt die Ausdauer des Boxers, kombiniert mit der Kraft des Ringers, um sich über die Runden zu bringen.

Wie hält man das harte Training durch?

Lochner: Das ist eine mentale Sache, denn man kann alles schaffen, aber nur mit Willen und Ehrgeiz. Der Körper muss funktionieren. Die Zeit ist und bleibt mein größter Feind, da ich meine Freunde und Familie nicht vernachlässigen will. Aber vielleicht wird es sich eines Tages auszahlen.

Warum tut man sich das an?

Lochner: Kämpfen liegt mir im Blut, der Käfig ist mein Zuhause. Dort treffe ich zumindest auf keine Möchtegerns, die nicht genauso viel dafür getan haben wie ich. Es gibt Regeln und Prinzipien, es wird einem nichts geschenkt. Anders als in unserer kalten Gesellschaft ist es egal, wie man aussieht oder wie viel Geld man hat.

Wie kommt man zu dieser Sportart?

Lochner: Ich war lange auf der Suche nach meinem Weg. Als ich wieder vor einer Sackgasse stand, wurde mir klar, dass ich eine neue Herausforderung brauche. Der Kampfsport begleitet mich schon seit meiner Kindheit, aber ich habe es nie richtig wahrgenommen, in frühen Jahren waren andere Sachen einfach wichtiger. Nach fast 15 Jahren Judo, einigen Kickbox-, Jiu Jitsu- und Selbstverteidigungskursen hatte ich eine gute Grundlage und das MMA war genau das richtige. So wie ich früher kein Konzert ausgelassen habe, lasse ich jetzt kein Training ausfallen. Freiheit bedeutet für mich, in der Natur zu joggen, mit Gleichgesinnten in der Halle zu trainieren oder mit meinem Team zum Wettkampf zu fahren. An allem anderen bin ich grundsätzlich nicht mehr interessiert.

Haben Sie nicht Angst, im Käfig zu sterben?

Lochner: Angst ist nicht gut. Wenn man nicht motiviert ist, soll man besser zu Hause bleiben. Und man sollte mit klaren Augen und einem achtsamen Herz antreten. Natürlich macht man sich Gedanken. Aber ich verstehe andererseits nicht, wie man ohne Helm skifahren kann, ohne Seil zum Klettern geht oder betrunken ins Auto steigt. Die Fahrlässigkeit im Alltag bringt dich wahrscheinlich schneller um und wer weiß, welche Rolle das Schicksal spielt.

Wie war Ihr erster Kampf?

Lochner: Als ich das erste Mal alleine vor 1 100 Zuschauern in den Käfig stolperte, ging alles sehr schnell. Bis ich überrissen habe, was los ist, war es schon fast zu spät. Ich habe mich vor Panik selbst in den Würger gedreht. Von dem Moment an habe ich mir vorgenommen, ruhig und gelassen und nicht hektisch oder unbeherrscht zu kämpfen. Ein wütender Geist hat keinen Verstand.

Was fühlt man im Käfig?

Lochner: Wenn Kondition und Technik stimmen, findet der eigentliche Kampf im Kopf statt. Das Letzte, das ich wahrnehme, egal wie laut das Publikum schreit, ist das Klicken der Käfigtür. Dann läuft alles von alleine. An Fehler und Chancen, an die Ringgirls und Ringrichter kann ich mich der Konzentration wegen nicht erinnern. Für Schmerzen ist keine Zeit, durch das Adrenalin fühlt man auch keine. Das hält so lange an, bis man aus der Menge wieder in die Umkleide kommt. Dann bricht alles innerhalb von Sekunden zusammen und der Körper braucht Zeit, um wieder klar zu kommen.

Was kann die Zukunft noch bringen?

Lochner: Hoffentlich viel, es hat noch nicht mal richtig angefangen. Ich will schnellstmöglich meinen Judo-Schwarzgurt und mich eigentlich erst mal wieder aufs Judo und Thaiboxen beziehungsweise K1 konzentrieren. Fürs MMA gibt es auch schon wieder Termine. Mein Sieg in Vorarlberg und der Sport im Allgemeinen sind mein Ticket, um endlich mal raus zu kommen. Auch in Europa geht die Entwicklung stark voran und auch große Verbände und Marken zeigen immer mehr Interesse. Ich glaube zu einer guten Zeit eingestiegen zu sein. Unser Team wächst, Coaches und Management haben Kontakte in die ganze Welt. Jeder sollte sich einmal die Frage stellen: Wie viel kannst du über dich wissen, wenn du dich nie deinen Ängsten stellst, dich niemals am Limit bewegst, wenn du nie gekämpft hast? CL/cw