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Der Künstler Walter Dechant gestaltet eine außergewöhnliche Vernissage

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Die »daily portraits« bilden zusammen ein ganz großes Tableau, auf dem der Betrachter in viele Gesichter blickt, die ihn alle auf irgendeine Weise ansprechen. (Foto: Janoschka)

Nicht mit Pauken und Trompeten, sondern mit einem Saxofonspieler wurde das rauschende Fest der Vernissage von Walter Dechants »Girls talk …« in der städtischen Galerie Altes Feuerhaus in Bad Reichenhall umrahmt. So war die Vernissage ein Fest für die Sinne: Die Augen erfreuten sich an einer Vielzahl von Gesichtern, mit den Händen hätten die Besucher die Möglichkeit gehabt, bunte Bonbons vom Boden aufzuheben, mit denen – in Anlehnung an farbige Stoppbänder am Boden in Ämtern und Museen – in einem bestimmten Abstand entlang der Wände ein breites Band ausgelegt war. Kaum jemand wagte jedoch, sich über diese bildlich dargestellte, ironisierende Trennung hinwegzusetzen und sie im doppelten Wortsinn »aufzuheben«.


Beim Betrachten der einzelnen Gesichter auf den Bildern in verschiedenen Größen stellt der Besucher eine nicht enden wollende Kreativität und Tiefe fest: Variationsreich stellt der Walter Dechant Gesichter in abwechslungsreichen Farbkompositionen dar, mit dicken Pinselstrichen oder als Zeichnung, abstrakt oder eher gegenständlich, Gesichter mit verschiedenen Mundstellungen, ohne oder mit Zigarette (»Smoke II«), mit offenen oder geschlossenen Augen, ernste oder liebliche, träumerische oder nachdenkliche Gesichter mit verschiedenen Kopfhaltungen, geschminkte Gesichter oder mit Schönheitsmaske.

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Immer aber blickt der Betrachter in ein ganz besonderes Gesicht mit ganz bestimmten Gefühlsregungen oder Gedanken, mit denen er sich identifizieren oder über deren Befindlichkeit er nachdenken kann. Auffällig sind die Bilder, auf denen der oder die Porträtierte die Zunge herausstreckt oder sie einfach zeigt, wie bei »Show me your Tongue«.

Andere Titel sind Namen von Frauen aus dem Bekanntenkreis des Malers – Heidi I und II oder Sarah I, II, III, Kamila oder Eve, Kati II oder auch Christina, deren Porträt auf einem acht Meter langen Fries in verschiedenen Stimmungen zum ersten Mal öffentlich gezeigt wird. Andere Bilder haben Titel wie »Daily portrait 23.5.15«, »China girl« und »What’s up?« – eine herausfordernde Frage, mit der der Künstler mit dem Betrachter in Dialog zu treten scheint.

Die Bilder dieser Gesichter könnten eine Psychologie der Mimik darstellen oder ein Lehrbuch für Schauspieler. Auf jeden Fall zeigen diese Porträts, dass sich der Künstler intensiv mit dem Menschen und seinen Gefühlsregungen auseinandersetzt und manchmal sogar Gedachtes bildlich darstellt, das an den Gesichtszügen ablesbar ist.

Seine drei Selbstporträts sind ganz unterschiedlich: Eines, auf dem er gut erkennbar ist, stellt Dechant im Rahmen der »daily portraits« aus, ein anderes, eher expressionistisch anmutend, steht neben dem Porträt eines Totenkopfes auf dem Boden, das den Titel »Good friend« trägt und ebenfalls ein »daily portrait« ist, sowie ein Beweis dafür, dass sich der Künstler durchaus mit philosophischen Themen auseinandersetzt. Das eindrucksvollste Selbstporträt ist charakterisiert durch die weit geöffneten Augen und den ebenfalls geöffneten Mund. Es wirkt sehr abstrakt, da über das Gesicht ein Gedicht von Wolf Wondratschek, einem Dichter der Gegenwart, in Grün gekritzelt ist, das mit den Worten beginnt »Ich bin am liebsten allein …«. Der Künstler gab dem Porträt den Titel »Der Weg zum Glück«. Die Ausstellung ist noch bis 2. Juni zu besichtigen. Brigitte Janoschka

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