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Der Kunstflüsterer

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Der Kunstflüsterer
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Der Kunst-Restaurator Christian Scheidemann erzählt von seiner Arbeit. Foto: Chris Valentien/NDR Foto: dpa

Klimaveränderungen oder Unfälle im Museum bedeuten für Kunstwerke eine große Gefahr. Ein Experte und sein Team kümmern sich um beschädigte Bilder und Skulpturen.


Berlin (dpa) - Bonbons, Brot, Motoröl, Schmutz, Staub, Kaugummis, Eierschalen, Exkremente: Viele moderne Künstler verwenden ungewöhnliche und unerforschte Materialien für ihre Werke. »Unstabil« nennt sie der New Yorker Restaurator Christian Scheidemann.

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Wie er diese Werke rettet, zeigt die Dokumentation »Der Kunstflüsterer«. Zu sehen ist der Film an diesem Mittwoch um 21.55 Uhr bei Arte.

Scheidemann beschäftigt sich seit dem Jahr 2002 mit allen möglichen Kunstwerken der namhaftesten Künstler - seien es Arbeiten und Materialien von Andy Warhol (Tinte, Tusche), Joseph Beuys (Fett), Paul McCarthy (Wüstenstaub) oder Robert Gober (Donuts). Wie ein einfühlsamer Arzt behandelt der Restaurator sie bei Schäden durch Besucher. Da wären zum Beispiel ein plötzliches Niesen oder ein achtloses Berühren. Andere Unfälle passieren etwa beim Transport.

Scheidemann begann seine Karriere in Hamburg, wo er 1989 in einem historischen Kaufmannshaus sein erstes Studio bezog und sich gleich um die zeitgenössische Kunst in den neu geschaffenen Deichtorhallen kümmern konnte. Er ist immer dabei, von der Entstehung eines Werkes bis hin zu einem möglichen Totalschaden, und ist so zentrale Anlaufstelle für Künstler, Sammler und Galerien und Museen.

Viele Künstler besprechen sich mit ihm nicht nur darüber, wie sie ihre Werke erhalten, sondern auch wie sie diese überhaupt herstellen können. Das wäre früher undenkbar gewesen. Die heute oft schnell produzierte Kunst erfordert eine aufwendige und zeitraubende Konservierung, bei der auch diskret vorgegangen werden muss, insbesondere wenn ein Werk gerade den Besitzer wechselt.

Natürlich arbeitet Scheidemann nicht allein, in seinem Studio sind sechs hoch spezialisierte Konservatorinnen beschäftigt, die versuchen, sich vom emotionalen oder gar finanziellen Wert eines Kunstwerkes unabhängig zu machen.

Es muss nicht immer ein Unfall vorliegen: Die Experten prüfen oft nur den Zustand von Bildern oder unterziehen sie einer gründlichen Reinigung. Im Film wird der lange Weg deutlich, den ein Kunstwerk vom Entstehen im Atelier bis hin zur Platzierung im Museum zurücklegt. Auf diesen Etappen können die Fachleute gleich mehrfach gefragt sein.

Filmautorin Marion Kollbach (»Fünf Tage mit Jonathan Franzen«) lässt neben Scheidemann auch Kuratoren, Museumsdirektoren, Gutachter und Künstler zu Wort kommen, wie Paul McCarthy (74), der davon erzählt, wie er mit seinen Skulpturen (teils aus Silikon) versucht, die Normalität zu abstrahieren oder gar kippen zu lassen, um so eine »Ausdrucksform für die Absurdität der Existenz zu finden«.

Es ist faszinierend zu sehen, wie präzise und wertfrei Scheidemann auch hier arbeitet, überwiegend mit seinen Händen. Er gestaltet und verändert nicht, sondern stellt sich dabei ganz in den Dienst der Kunstwerke. Er hilft, Kunstwerke, die aufgrund ihrer Materialien immer weniger für die Ewigkeit bestimmt sind, zumindest für ihre kommenden Lebensphasen und die nächsten Generationen zu erhalten.

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