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»Der Mensch darf nicht als Arbeitstier angesehen werden«

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Grünberger betreibt das nahe dem Bahnhof gelegene Hotel »Grünberger«. (Foto: Voss)

Berchtesgaden – Der Fachkräftemangel ist ein Dauerthema, auch in der Region. Ist davon auch das heimische Gast- und Hotelgewerbe betroffen? Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat zu diesem Thema mit Lieselotte Grünberger gesprochen, der Inhaberin des Hotels »Grünberger« in Berchtesgaden.


Frau Grünberger, ist es auch für Sie schwierig, Fachkräfte zu bekommen?

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Lieselotte Grünberger: Ein Problem ist es zurzeit noch nicht, allerdings ist es schwierig, neue Auszubildende zu finden. Dieses Jahr haben wir gar niemanden. Es ist nicht leicht, die jungen Leute für das Hotelfach zu begeistern.

Sind die Fachkräfte bei Ihnen in der Regel nur saisonal angestellt, oder versuchen Sie, ihre Mitarbeiter langfristig zu beschäftigen?

Grünberger: Ich beschäftige meine Mitarbeiter das ganze Jahr und ziehe sie sogar durch die »tote Zeit«. Freilich, da habe ich zwar weniger Gewinn, aber ich habe die Sicherheit, dass ich weiterhin Personal habe.

Sie beschäftigen also gar keine Saisonkräfte?

Grünberger: Doch, allerdings nur drei Personen. Und die kommen auch jedes Jahr wieder.

Worin sehen Sie die Gründe, dass Sie derzeit noch nicht vom Fachkräftemangel betroffen sind?

Grünberger: Um an Fachkräfte zu gelangen, muss man in der Hotellerie gut bezahlen, man muss das Arbeitszeitgesetz einhalten und den Mitarbeitern genügend Freizeit zur Verfügung stellen, damit sie sich auch wieder erholen können. Bei uns arbeitet jeder 169 Stunden im Monat, bei einer Fünftagewoche. Auch in der Hochsaison darf sich daran nichts ändern. Schließlich kann das Personal nichts für das Mehraufkommen.

Sehen Sie also auch den Hotelbetreiber in der Pflicht?

Grünberger: Natürlich. Aber nicht nur die Hotellerie, sondern gerade auch das Gastgewerbe muss verstehen, dass wir zwar einen schwierigen Job haben, es in anderen Berufen aber auch nicht anders ist. Man muss den Job also so schmackhaft wie möglich machen. Das Personal muss mit Freude zur Arbeit kommen.

Sehen Sie auch ein gut eingespieltes Team als Voraussetzung an?

Grünberger: Natürlich. Wenn sich alle gut verstehen, geht die Arbeit leichter von der Hand. Außerdem sind bei uns alle Mitarbeiter gleichgestellt. Eine Rezeptionistin wird nicht besser behandelt als ein Spüler. Um den Zusammenhalt zusätzlich zu stärken, fahre ich zum Beispiel jedes Jahr »als Zuckerl« mit dem gesamten Team in den Urlaub. Dieses Jahr geht es für eine Woche nach Ägypten. Auch auf Lanzarote und in Tunesien waren wir schon.

Warum, denken Sie, ist eine Ausbildung im Hotelfach nicht mehr beliebt?

Grünberger: Der Beruf wird teilweise schon von Berufsberatern niedergeredet. Aber in vielen Ausbildungsbetrieben werden die Auszubildenden nur dort eingesetzt, wo gerade ein Mangel ist. Dann arbeiten sie monatelang in der Küche oder machen die Zimmer sauber, obwohl sie in der Ausbildung immer nur eine bestimmte Anzahl an Monaten in einem Bereich verbringen sollen. Da ist der Auszubildende dann auch nur eine billige Arbeitskraft, und so kommt natürlich auch keine Freude an der Arbeit auf.

Glauben Sie, der Mangel an Fachkräften wird zu einem zentralen Problem heranwachsen?

Grünberger: Wenn die Hoteliers nicht anfangen umzudenken, werden wir ein Problem bekommen.

Was sollte die Branche Ihrer Ansicht nach dagegen unternehmen?

Grünberger: Ob Hilfskraft oder Auszubildender, der Mensch darf nicht als Arbeitstier angesehen werden, er muss fair bezahlt werden und genügend Freizeit haben. Dann wird der Beruf in Zukunft auch wieder positiver angesehen werden. Lena Klein

 

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