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Der Schrei ins Leere

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Der Präsident des Internationalen Rodelverbandes FIL, Josef Fendt, zeigte sich empört über das Gebaren von 16 Sportlerinnen und Sportlern aus den vier deutschen Eisröhren, die sich bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten über zu wenige Fernsehzeiten für ihre Sportart beklagt haben. Foto: Anzeiger/Wechslinger
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Anja Huber vom RC Berchtesgaden macht sich mit 15 weiteren Kufensportlern für mehr Fernsehzeit als bisher für den Kufensport stark. Foto: Anzeiger/Wechslinger

Berchtesgaden - Große Beunruhigung herrscht derzeit unter Sportlern und Verantwortlichen des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD), aber auch in anderen Sportarten, die gar nicht mit einem offenen Brief von 16 Personen aus den Reihen des BSD an die Intendanten der öffentlich-rechtlichen Sender und an die Rundfunkräte einverstanden sind.


In diesem Brief bitten ehemalige und aktuelle Kufensportler sowie auch Trainer die Sender ARD und ZDF, ihre Wintersportplanung zu überdenken und den Eiskanalsportarten mehr Sendezeit einzuräumen. Unter den Beschwerdeführern sind mit Anja Huber und Manuel Machata zwei Berchtesgadener sowie mit Florian Graßl ein Trainer aus Berchtesgaden, die sich der Beschwerde angeschlossen haben. Aus dem offenen Brief geht hervor, dass die Sportwelt über die Belange der Kufensportler gar nicht im Bild ist.

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Mit welcher Berechtigung, fragen die Kufenleute, werden Skispringen, Alpinrennen oder Biathlonwettbewerbe von der ersten bis zur letzten Minute übertragen, während von Bob, Skeleton oder Rodeln meist nur Zusammenfassungen gezeigt würden. Die Petitenten mokieren sich auch über Einkommensmillionäre unter Alpinen und Biathleten. Ob die unzufriedenen Eiskanalmenschen sich und den drei Sportarten mit ihrem Brief einen Gefallen getan haben, bleibt abzuwarten.

Kritik nur im direkten Dialog

Dem Präsidenten des Internationalen Rodelverbandes, Josef Fendt aus Berchtesgaden, hat die Aktion überhaupt nicht gefallen. Er sieht darin in erster Linie eine nationale Sache. »Wir versuchen uns da größtmöglich herauszuhalten. Die ganze Aktion finden wir überhaupt nicht gut und haben uns auch sofort davon distanziert«. Fendt hat bereits Kontakt mit den Vertragspartnern ARD und ZDF aufgenommen: »Wenn es etwas zu kritisieren gäbe, dann würden wir das nicht über die Presse machen, sondern mit unseren Vertragspartnern. Damit sind wir bisher immer gut gefahren und das werden wir auch so beibehalten. Wir distanzieren uns von dieser Vorgehensweise in aller Form«, erklärte der Weltpräsident unmissverständlich, befürchtet aber, dass dieser recht unüberlegte Schnellschuss nach hinten losgegangen ist. »Da wurde ein Feuer entfacht, das absolut unnötig war. Die ersten Querschüsse aus anderen Sportverbänden sind schon da und es werden noch mehr«, ist sich Fendt sicher.

Um Schadensbegrenzung ist man auch beim BSD bedacht. Sportdirektor Thomas Schwab versuchte die Wogen zu glätten und sprach von einer stets guten Präsentation seiner Sportarten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Der »offene Brief«, so Schwab, sei überhaupt nicht mit dem Verband abgestimmt worden. Vielmehr suche der BSD als seriöser Vertragspartner immer zuerst den Dialog.

Wie gut der BSD via Fernsehen präsentiert sei, beweise die Nachfrage von Sponsoren, die sich aktuell für die Vermarktung des BSD nach den Olympischen Winterspielen 2014 interessieren, informierte Schwab weiter.

Massiven Schaden angerichtet

»Aus meiner Sicht hat der offene Brief einen massiven Schaden für den Bob- und Schlittenverband verursacht«, befürchtet Schwab, der im Weiteren im Auftrag des Präsidiums darauf hinwies, dass der Brief nicht die repräsentative Meinung des Verbandes widerspiegele. »Wenn wir der Meinung sind, dass wir von unseren TV-Sendern gegenüber anderen Sportarten ungerecht behandelt werden, schreiben wir keine offenen Briefe oder Zeitungsartikel, in dem wir andere Sportarten diskreditieren, sondern suchen den Dialog mit unseren Partnern. Ein verhältnismäßig kleiner Sportverband wie der Bob- und Schlittenverband für Deutschland braucht neben den sportlichen Erfolgen vor allem die TV-Zeiten und Quoten. Sie sind für uns extrem wichtig und stellen die Grundlage unserer Verträge mit Sponsoren dar. Ohne die Sponsoren wären die sportlichen Erfolge nicht möglich. Daher sind die TV-Übertragungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen für uns existentiell wichtig.«

Und Schwab sagt weiter: »Wir waren mit den Sendezeiten und vor allem den Quoten in unseren Sportarten Rennrodeln und Bob im vergangenen Winter sehr zufrieden und hoffen sehr, dass sich diese vor allem in der kommenden Olympiasaison 2013/14 halten oder sogar noch ausbauen lassen«, schrieb Schwab den Fernsehanstalten.

Anmaßend und dreist

Natürlich griffen das Thema auch die großen Zeitungen auf. Die »FAZ« schrieb gar von einem Tunnelblick im Eiskanal. Man kann im alpenfernen Frankfurt gar nicht verstehen, dass Bob, Rodel und Skeleton auf Ski alpin schießen (siehe Kommentar).

Außerdem fragt die »FAZ«, ob vier vom Bürger unterstützte Kunsteisbahnen in einem Land kein Luxus seien. »Es ist wichtig, dass Sportler ihre Meinung sagen, sie sollten dabei aber das ganze Bild überblicken, sonst schalten sie sich selbst aus«, meint man in Frankfurt.

Die »Süddeutsche Zeitung« wies auf die Diskrepanz zwischen Sommer- und Winterrandsportarten hin, die eindeutig pro Schlittensportler läuft. Im Schlusssatz meint Autor Thomas Hahn, dass alle aus dem offenen Brief viel lernen können. Vor allem, wie blöd man sein kann …

In der »Westfälischen Rundschau« (WR) wird darauf hingewiesen, dass im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu viel Sport und damit auch zu viel Bob und Rodel läuft. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen habe vielmehr einen weitaus breiter gefächerten Auftrag, sich um Politik, Wirtschaft, Kultur, Unterhaltung und um Sport zu kümmern. Um Sport wohlgemerkt, nicht nur um Wintersport.

Vor dem Hintergrund, dass Volleyball, Basketball, Tischtennis und viele weitere Sportarten viel zu kurz kämen, sei die Forderung der Rodler und Bobfahrer nur eines: dreist, meint die »Westfälische Rundschau«. Christian Wechslinger