Der Traum vom Schreiben

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Beim Spaziergang vor der Bergkulisse sammelt Autorin Lisa Graf-Riemann Inspiration. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Marktschellenberg – Das Ergebnis ihres Schaffens passt auf ungefähr zwei Regalmeter: acht Romane, fünf Reisebücher, über zwei Dutzend Lehrwerke und einige Kurzgeschichten in Zeitschriften, Anthologien und Sammlungen.


Nur zu gut weiß Lisa Graf-Riemann, gebürtige Passauerin, dass das Dasein als Schriftstellerin ein einsames Unterfangen ist. Spannender ist da schon der Mord im Bayerischen Staatsbad in Reichenhall, der Teil ihres neuen Krimis ist, der im kommenden Januar als erster Band einer neuen Reichenhall-Reihe als Servus-Krimi erscheinen wird.

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»Mein Ziel war es immer, irgendwann einmal einen Bestseller zu schreiben«, sagt die Wahl-Marktschellenbergerin, die parallel dazu seit vergangenem Jahr beim Penguin-Verlag unter Vertrag ist. Sie schreibt nun an einer dreibändigen historischen Romanserie, die um 1900 in München spielt. Eine Filmoption liegt auf dem Tisch.

Bei der täglichen Joggingrunde oder dem Spaziergang an der Ache lässt sich Lisa Graf-Riemann inspirieren. Die frische Luft macht den Kopf frei. Es ist Teil ihres täglichen Rituals: Jeder Arbeitstag, seit sie mit Verlagsverträgen gut ausgestattet ist, ähnelt dabei dem vorherigen. Mit Monotonie hat das nur wenig zu tun, eher mit selbst auferlegter Struktur.

Und die ist Lisa Graf-Riemann nicht nur in ihren Romanen wichtig. Mindestens vier Stunden lang, von 9 bis 13 Uhr, sitzt sie an ihrem Computer, tippt dabei vier bis fünf Seiten, manchmal, wenn es gut läuft, sind es acht oder zehn – alles Rohfassung. Gefrühstückt wird bei ihr erst mittags. An Wintertagen schürt sie nachmittags den Kaminofen an, schreibt dann oft bis abends weiter. Manchmal auch an den Wochenenden.

Ein Tag ohne zu schreiben, ist für sie nur ein halber. Zu lange den Stoff ihrer Romane zu verlassen, in die sie sich über Wochen und Monate hineingefuchst hat, ist kontraproduktiv. »Ich brauche dann Tage, bis ich wieder richtig reinkomme«, sagt sie. Die Autorin hat einen Vertrag zu erfüllen, seitdem sie noch einmal auf's Ganze gegangen ist und die beruflichen Seiten gewechselt hat.

Auf einem klaren Aufbau fußen auch ihre Werke: Drei Ingolstadt-Krimis hat sie bisher geschrieben, mehrere Berchtesgaden-Krimis. Die Buchtitel der Schriftstellerin klingen dabei fast schon appetitlich: »Rehragout«, »Hirschgulasch«, »Steckerlfisch«, oder auch: »Eine schöne Leich«. Sie hat sich als Regio-Krimi-Autorin einen Namen gemacht. Thriller, die sich auch unter ihren Werken befinden, bilden eher die Ausnahme.

Die gelernte Redakteurin hatte lange Zeit bei Langenscheidt gearbeitet und später Lehrwerke für die Erwachsenenbildung verfasst, bevor sie als Polizeidolmetscherin in den Sprachen Spanisch und Portugiesisch bei der Ermittlungsarbeit half – am Münchner Flughafen bei der Bundespolizei. »Ich fragte mich auf dem Heimweg oft, ob das, was die Leute dort ausgesagt haben, der Wahrheit entsprach oder glatt gelogen war«, erinnert sich die Marktschellenbergerin.

Für Lisa Graf-Riemann war das dann der Übergang, sie bezeichnet es als Sprungbrett, in die Selbstständigkeit und die Verwirklichung des lang gehegten Traums, literarisch zu schreiben. Krimis nicht nur zu lesen, sondern sich selbst auszudenken: »Jetzt packst du es an und verdienst mit dem Schreiben dein Geld.«

Es dauerte lange, bis ein Verlag reagierte, an den sie erste Leseproben geschickt hatte. Aber immerhin stießen ihre Geschichten auf Interesse. Mit ihren ersten Verkäufen fuhr sie persönliche Erfolge ein. »Jeder, der schreibt, träumt davon, dass man als Schriftsteller davon leben kann und einen Ansprechpartner hat, der da ist, wenn man festsitzt und nicht weiß, in welche Richtung es weitergehen soll«, so Lisa Graf-Riemann.

Über die Jahre war das bloßes Wunschdenken. Seit ein paar Jahren wird sie nun von einem Literaturagenten vertreten, der sie unterstützt. »Mittlerweile sind wir beide ein echtes Dreamteam«, schwärmt die Autorin. »Man braucht halt auch mal Glück im Leben.« Mit den Lektorinnen in ihren Verlagen steht sie in regelmäßigem Kontakt und Austausch.

2019, auf einem Flug von Salzburg nach Berlin, lernte die Schriftstellerin einen Personenschützer kennen, der ihr von seiner Arbeit erzählte. »Er hatte für mich das perfekte Verbrechen in petto. Das konnte ich für meinen neuen Krimi gut gebrauchen.« Für ihre neue Krimi-Reihe hat sie sich die illustre Kulisse des Staatsbades Bad Reichenhall ausgesucht. Dort wird es für den zweifelhaften Alexander »Sascha« Maiensäss ziemlich eng: Er treibt nicht nur als Hochstapler sein Unwesen, obendrein hat er sich auf eine brenzlige Affäre eingelassen: mit der Frau des Mordopfers, was ihn mit seinem zweifelhaften Leumund ins Visier der Mordermittlung rückt.

Mehrere Monate ist Lisa Graf-Riemann am Buch gesessen und hat dafür Veröffentlichungen des Reichenhaller Stadtarchivars Dr. Johannes Lang gelesen. »Ich bin eigentlich eine Bauchschreiberin. Aber natürlich müssen die Figuren entwickelt, plausibel dargestellt und die einzelnen Handlungsfäden intelligent miteinander verknüpft werden.« Die Autorin schreibt dabei Szene für Szene anhand eines mitwachsenden Plans in Form einer Excel-Tabelle.

»Der Einstieg in die Szene ist mir immer am wichtigsten«, sagt sie. Oft gelingt dieser über einen Dialog oder einen überraschenden Einfall. Ihr Lebensgefährte, selbst Autor, ist der erste, der ihre Rohfassungen zu lesen bekommt. Obwohl der erste Reichenhall-Krimi, »Kurschatten-Affäre«, 288 Seiten lang, noch nicht erschienen ist, ist ein zweiter Teil bereits geplant. Im Sommer will sie ihn schreiben. Erscheinen soll er Anfang 2022, wieder bei Benevento, als Servus-Krimi.

Aber auch dazwischen gibt es für Lisa Graf-Riemann keinen Leerlauf. Der historische, dreibändige München-Roman, der Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts spielt, und für dessen Recherche sie viele Stunden im Münchner Stadtarchiv und in der Staatsbibliothek verbrachte, erfordert viel Zeit. »Ich bin mit Überzeugung dabei, versuche mein Bestes zu geben«, sagt die Autorin.

650 Seiten hat Band eins. Im Vertrag waren 500 vorgesehen. Ihr Agent schüttelte den Kopf über so viele »unbezahlte Überstunden«. »Es ging aber nicht anders, damit die Geschichte auch wirklich rund wurde und einen guten Abschluss fand«, ist die Autorin überzeugt. Corona-bedingt wurde die Veröffentlichung auf Herbst 2021 verschoben. Ein erstes Treffen mit einer Drehbuchautorin hat bereits stattgefunden. Für Lisa Graf-Riemann ist es der erhoffte »große Sprung«, als Schriftstellerin noch breiter wahrgenommen zu werden.

Kilian Pfeiffer


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