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Der Triumph der Gaukler

3.9
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Die Pony-Kinderstube, vorgestellt von Sandra Frank.
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Die Karawane zieht durch die Manege des »Circus Frankello« in der Schönau. (Fotos: Meister)
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Höhepunkte am laufenden Band: Der Traum vom Fliegen.

Schönau am Königssee – »Somewhere Over The Rainbow« plärrte das Solosaxophon. Aber von Regenbogen war weit und breit nichts zu sehen, dafür auch noch weniger als ohnehin möglich, weil hinter dem Zeltmasten die Nebelmaschine ihren Dienst aufnahm und die Manege in Dunst legte. Und aus der langsam verwabernden Dunstglocke kam bald ein schönes weißes Pferd und hernach ein braunes und dann mit nervend schriller Trillerpfeife der Clown. Und alles war wie früher, wie immer. Auch der Geruch hat sich nach vielen Jahrzehnten längst nicht verflüchtigt. Heute um 15 Uhr gibt der »Circus Frankello« in Schönau am Königssee seine letzte Vorstellung.


Kinder lieben Zirkus, die Clowns, die Akrobaten und die Tiere, die, oft viel zu groß für den kleinen Kreis, den die Manege in der Zeltmitte zieht, ihre Runden drehen, einstudiert dem Hindernis, das ihnen der Dompteur in die Kreisbahn stellt, ausweichen, um am Schluss endlich den Sprung auszuführen. Mit den eigenen Kindern geht man wieder in den Zirkus, um des Nachwuchses Vergnügen willen, sagt man. Doch der Spaß meldet sich dennoch, und wird verborgen. Mit den Enkeln dann wieder zu den Feuerschluckern, Trapezkünstlerinnen und dampfenden Pferden wiederzukehren, lässt den Spaß erneut aufkommen. Es gibt also mindestens drei Gründe, den Zirkus zu besuchen.

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Die Musik im »Circus Francello« kommt life, sagt der Direktor, aber die Musiker sitzen im Dunkeln, unsichtbar. Dafür sind sie schön laut. Das Programmheft auf edlem Glanzpapier lässt wenig Raum für Rückschlüsse zu. Da das Unternehmen ein familiengeführtes ist, heißen fast alle Akteure mit Nachname Frank. Es ist schwer, zwischen Gino, Benno oder Sandra, Cheyenne oder Angelique Frank zu unterscheiden. Und dann wartet man auf Benny Frank und eine junge, schlanke Frau windet sich elegant zwischen zwei langen, weißen Tüchern. Vielleicht ist das auch ganz egal. Gut jedenfalls sind sie alle. Hier geht es nicht um den viereinhalbfachen Salto oder den Flug durch die Kuppel ohne Netz. Im besagten Programmheft ist die Rede von Nostalgie, von der Besinnung auf den »guten alten Zirkus«, eine Rückschau mit Romantik. Genau das präsentiert »Francello«. Und dennoch mit dem Streben nach Höchstleistung. Tiere sind allgemein in großer Formation aus den Manegen verschwunden. Pferde gibt es noch, schöne dazu, beim »Circus Frankello« und ein halbes Dutzend Kamele dazu.

Der Rest ist Akrobatik von mitunter bemerkenswerter Präzision. Der Jongleur hat gefallen, vor allem seine Nummern auf der freistehenden Leiter. War das nun Benny oder vielleicht sogar Santana? Die Dame auf dem Drahtseil mit dem hübschen Schirmchen heißt Scarlett und Hin dazu. Was ist das denn? Vielleicht ist aber doch alles ganz anders. Cheyenne Frank lässt den Zuschauer den Atem anhalten, wenn sie in schwindelnder Höhe mit Eleganz im Luftring »turnt«, und Santana (eine Frau oder der verkleidete Rockstar?) rollt sich große Mengen von Hula-Reifen um verschiedene Körperteile. Wunderbar.

»Circus Frankello« hält, was er verspochen hat, die Stimmung wechselt mit jeder Nummer, Kinder rufen dem Clown etwas zu, der wiederum ein paar Leute aus dem Publikum einfängt, um sie ein wenig bloßzustellen. Das ist auch Zirkus. Zirkus macht Spaß, immer noch. Im Programmheft hat der Direktor geschrieben: »Der Circus muss leben, der Kinder wegen!« Vielleicht hat er ja Recht. Aber Erwachsene können durchaus auch ihren Spaß haben. Dieter Meister

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