weather-image
10°

Der Vogel als stotternder Prophet

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Peter Simonischek (von links), Topi Lehtipuu und Iris Vermillion nehmen den Beifall des Publikums entgegen. (Foto: Salzburger Festspiele/Andreas Kolarik)

Irgendwie ist die Zukunft immer eigentlich schon da, bis der Prophet – auch wenn er noch so tenor-hell anhebt mit seinen Prophezeiungen – diese wenigstens andeutungsweise herausgewürgt hat. Und doch tritt die Zukunft nicht wirklich ein, weil gerade sie entschieden infrage gestellt wird von dem Komponisten Peter Eötvös und seinem (jüngst verstorbenen) Textdichter Péter Esterházy.


Haben wir überhaupt eine Zukunft? Ein »Narrator« (Peter Simonischek) erweist sich als Schwätzer. Der Prophet (der Tenor Topi Lehtipuu) stottert und hat nichts auszurichten. Der Mezzosopran-Engel (Iris Vermillon) berichtet en passant, dass er einst mit Nietzsche einen über den Durst getrunken hat und seither aus dem Delirium weder raus kommt noch raus will. Also kein wirklich Vertrauen erweckender Advokat fürs Himmlische.

Anzeige

Was für ein unverschämt aufrichtiges und dabei leichtfüßig ironisches Zeitbild in einem gut einstündigen Werk, das sich als »Oratorium« ausgibt und doch nichts spiegelt als den säkularen Surrealismus unseres gelebten Alltags. Ach ja, der Chor (in der Uraufführung jener des Ungarischen Rundfunks): Er stellt bohrende Anfragen, »Wer sind wir?«, oder gar »Was wollen wir?«, und doch wird er dazu verurteilt, immer aufs Neue Halleluja zu tirilieren. Nach Noten von Monteverdi bis Bruckner, von Mozart bis Mussorgski, von Händel sowieso. Alles Halleluja.

So heißt denn auch das am Samstag von den Wiener Philharmonikern im Großen Festspielhaus uraufgeführte »Oratorium balbulum« – ein stammelndes, stotterndes Oratorium also –, das in Brecht/Weillscher Manier daher kommt als ein Lehrstück über ein Leerstück unserer Welt. Am Ende scheint alles auf 9/11 zuzulaufen, aber da lichtet sich die Orchesterwucht urplötzlich und wir vernehmen Schumanns »Vogel als Propheten«, diesmal fast original zitiert vom Klavier, während das Charakterstück eingangs in üppigster Instrumentierung, mit dem Gewicht eines angefragten Propheten eben, dahergekommen ist. Ein großer Erfolg beim Publikum.

Dieses war erst der erste Streich, es hieß an dem Abend nämlich »3 in 1«: Das erste Festspielkonzert der Wiener Philharmoniker (sie spielen auch heuer in ihrer Reihe lauter Werke, die sie uraufgeführt haben), war auch Teil der »Ouverture spirituelle« und schließlich von »Salzburg contemporary«, beides eben wegen des uraufzuführenden Eötvös-Oratoriums. Das Adagio aus Mahlers »Zehnter« haben die Philharmoniker seinerzeit auch aus der Taufe gehoben. Daniel Harding hat nun eine gut durchhörbare, mit Vibrato bemerkenswert sorgsam, ja geradezu karg umgehende Deutung hören lassen. Passte gar nicht schlecht zu Eötvös/Esterházy, weil das Zukunfts-Thema für Mahler ja auch drängend war: Er hat sie auch eher geahnt als gefunden.

Ins Pasticcio dieses Abends kamen schließlich noch die Haydn-Variationen von Brahms. Ein Interludium zum Durchschnaufen? Eigentlich gar nicht, denn Hardings sehr eigenständige Sicht setzte auf beinah kammermusikalische Wirkung (jedenfalls empfand man dann so nach Eötvös, als das Orchester auf »normale« Besetzung geschrumpft war). Viel Beweglichkeit war drin im oft Gehörten, ein an Schumann erinnerndes romantisches Seelenbild. Das hat dann, so fühlte man, nicht nur dem Publikum, sondern auch den Wiener Philharmonikern selbst nicht wenig Freude gemacht. (Hörfunkübertragung am 5. August um 19.30 Uhr, Ö1) Reinhard Kriechbaum