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Der Vorhang bleibt zu, die Fragen offen

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Christa und Franz-Josef Fuchs – hier mit dem König-Ludwig-Kostüm fürs neue Stück –wollen durchhalten so lange es geht und in familiärer Atmosphäre Kultur für alle bieten. Foto: Mergenthal

»Der Vorhang bleibt zu, aber die Fragen bleiben offen« – dieses Transparent sah Christa Fuchs kürzlich an der Oper in Mainz. Für die Grande Dame der »Traunsteiner Kulturfabrik NUTS« trifft dies die aktuelle »sehr traurige« Situation.

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»Es ist bitter«, pflichtet Eva Aschauer vom Magazin3 in Bad Reichenhall bei. Was bedeutet die Corona-Krise und vor allem der aktuelle Quasi-Lockdown für diese regionalen kleinen Bühnen? Stellvertretend für andere betroffene Kulturträger befragten wir die Verantwortlichen des NUTS, des Magazin3 und der Staudacher Musikbühne. Aus Leidenschaft wollen sie Kultur für die ganze Bevölkerung zu erschwinglichen Preisen in gemütlicher Atmosphäre bieten. Ein großes Problem ist für alle die reduzierte Zahl der Besucher. Im NUTS hatten bisher 120 Gäste Platz und jetzt mit Abstand 45. Im Studio 16 vorher 70, mit den Auflagen 25. »Es ist für beide Traunsteiner Theater sehr schwierig, mit so wenig Besuchern den Betrieb aufrecht zu erhalten«, betont Christa Fuchs. An beiden Häusern fielen 2020 unter dem Strich insgesamt über 100 geplante Veranstaltungen aus.

Einen Ausweg suchte der seit 20 Jahren bestehende Familienbetrieb in der Sommerbühne im König-Ludwig-Hof, die sehr gut ankam. Da hätten 200 Personen Platz gehabt. »Es war aber nie voll, im Schnitt waren es 70 bis 80 Leute.« Im Spätherbst wollte ihr Sohn Franz-Josef Fuchs, Chef der Kulturfabrik und freiberuflicher Künstler, im eigens angemieteten Festsaal Bergen, wo mehr Platz gewesen wäre, einige Highlights wie Michael Altinger und Stefan Zinner bringen. »Ich habe 2500 Euro in Werbung investiert«, sagt Franz-Josef Fuchs.

Viele Künstler nicht finanzierbar

Die Plakate dafür konnte er nun ebenso in die Papiertonne werfen wie der Kunst- und Kulturverein Sternenzelt e.V. seine Frühjahrs- und Herbstflyer fürs Magazin3. Dort fielen seit Mitte März 25 Kulturveranstaltungen aus. Nur neun Abende, teils »spontanes Notprogramm«, gingen von Mitte Juni bis Mitte Oktober über die Bühne. Normalerweise hatten unten 120 bis 130 Leute und oben unbestuhlt 400 Gäste Platz, nun maximal 85 Gäste pro Abend. Bekannte Künstler wie Luise Kinseher oder Werner Schmidbauer sind damit nicht finanzierbar. Die Monate der Öffnung waren für den Verein ein Draufzahlgeschäft. »Man macht es halt, dass man im Gespräch bleibt.«

Bitter ist für die Kulturträger die verordnete Schließung trotz aufwändiger, vom kulturell ausgehungerten Publikum akzeptierter Hygienekonzepte: Man fühle sich als Veranstalter bestraft.

Alexander Welte, der mit Peter Janotta im Chiemgau die Staudacher Musikbühne betreibt, sagte im Sommer schweren Herzens das 14. Boogie On the See Festival und die 2. Riverboat Shuffle ab: Diese Musikevents auf einem Chiemsee-Schiff leben davon, dass die Zuhörer bei schönem Wetter von Band zu Band ziehen. »Ich hätte die Verantwortung gehabt, wenn einmal einer keine Maske aufsetzt.« Im Oktober wollte er noch die Mojo Blues Band aus Wien, deren Fan er ist und mit der 1996 alles angefangen hatte, in den Gasthof Mühlwinkl holen. Doch mit maximal 80 Leuten, statt 170 wie sonst, hätte er die Band nicht finanzieren können. Noch dazu wurde WienCorona-Hotspot.

Um die Öffentlichkeit wachzurütteln, schloss sich das NUTS Traunstein der Initiative »Ohne Kunst und Kultur wird’s still« an, im Internet unter www.ohnekunstundkulturwirdsstill.de. Bewusst stellt Familie Fuchs wie die anderen beteiligten Künstler nichts ins Internet und beleuchtet abends ihre Schaufenster rot. Die Corona-Soforthilfe und die Spielstättenförderung reichten keine neun Monate, nicht einmal drei Wochen. Auch Solo-Künstler Franz-Josef Fuchs ist aktuell komplett auf staatliche Hilfe angewiesen.

Froh ist die Familie über den städtischen Zuschuss und den kleinen finanziellen Puffer durch den Erfolg des »Salinenspiels« 2019, der in den Erhalt der Spielstätten fließt. Und dankbar ist man überall für die Solidarität – seitens der Künstler durch humane Gagen, seitens der Techniker, seitens des Publikums. Alexander Welte ist heilfroh, keine Fixkosten für seine Musikbühne, wie Miete, und seinen Hauptberuf als Inhaber eines Eisenwarengeschäftes zu haben.

Viele Fragen bleiben dennoch offen – wie lange die Künstler das durchhalten, wann es endlich realitätsnähere Zuschusskonzepte gibt – für das Programm »Neustart Kultur etwa« dürfen Künstler, die oftmals zwei Jahre voraus ihre Touren planen, erst nach Förderzusage gebucht werden – und wann es Planungssicherheit gibt. Und was der Gesellschaft und der Politik die Kultur wert ist. »Wir brauchen ein sinnvolles Konzept, wie wir den Winter überleben«, fordert Rainer Benger, dritter Vorsitzender des Sternenzelt-Vereins. Er rechnet mit einer Öffnung nicht vor dem Frühjahr. »Lieber lassen wir komplett zu, bis es eine echte Perspektive für den Neuanfang gibt«, sagt Franz-Josef Fuchs. »Wir werden einfach durchhalten, so lang es geht.«

Mit eigenen Stücken spielbereit

Wenn der Vorhang wieder aufgehen darf, hat die Traunsteiner Kulturfabrik eigene Theaterstücke spielbereit, wie »Richard und Ludwig – zwei Genies am Rande des Wahnsinns« mit Christoph Stoiber und Franz-Josef Fuchs, und ein Einpersonenstück mit Gabi Trattler über eine Frau in der Midlife-Crisis.

»Man muss in dieser Zeit positiv und kreativ bleiben. Aber man soll die Kunst nicht verscherbeln«, so der Kulturfabrik-Chef. Beim Reichenhaller Magazin3 wird derzeit auch über Konzerte vor der Haustür nachgedacht. Man will um die Bühne kämpfen, es hängen Existenzen dran. »Kultur ist nicht ein kleines Nischenhobby, sondern ein großer Wirtschaftszweig«, stellt Petra Gabler-Kurz klar. Am 8. Januar ist ein Abend für den Erhalt des Magazin3 mit einheimischen Künstlern geplant.

Veronika Mergenthal