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Der »Zapfen-Rudi«: 14 Jahre lang Weihnachtsschützen-Chef

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Rudi Koller war unter anderem 14 Jahre lang Vorsitzender der Vereinigten Weihnachtsschützenvereine. Der Engedeyer verstarb kürzlich im Alter von 69 Jahren. (Foto: Bernhard Stanggassinger)

Bischofswiesen – Der Name Rudi Koller steht wie kein anderer für das Berchtesgadener Weihnachtsschützenbrauchtum. 14 Jahre lang war der Engedeyer Vorsitzender der Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes, darüber hinaus gehörte er 40 Jahre lang als 1. Schriftführer, 2. Vorstand und 1. Vorstand der Vorstandschaft des Weihnachtsschützenvereins Engedey an. In dieser Zeit setzte er sich mit ungeheurer Kraft für das Brauchtum ein. Am 17. Februar verstarb Koller nach schwerer Krankheit im Alter von 69 Jahren.


Rudi Koller wuchs bei seinen Eltern Betty und Friedl Koller in bescheidenen Verhältnissen im gemieteten Haus »Alpenfrieden« auf. Die achtjährige Schulzeit verbrachte er im kleinen Engedeyer Schulhaus, das heute noch steht. Alle acht Jahrgänge wurden in einem einzigen Klassenzimmer unterrichtet. Dass Koller ein sehr ordentlicher Schüler war, beweisen seine akkuraten Unterlagen aus der damaligen Zeit, die auch heute noch existieren. Dieser Drang zur Ordnung, zur Tausendprozentigkeit zog sich durch Kollers ganzes Leben.

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Ein Haus als Lebenswerk

Schon früh hat Rudi Koller gegenüber seiner Oma den Wunsch geäußert, einmal ein Haus bauen zu wollen. Wohl auch deshalb entschied er sich nach der Schule dazu, bei der Schön­auer Firma Baumann eine Ausbildung zum Maurer zu absolvieren. Ein paar Jahre später bekam die Familie Koller dann überraschend die Möglichkeit, ein Grundstück für einen Hausbau direkt an der Ramsauer Straße erwerben zu können. Das stellte die Familie zwar vor erhebliche finanzielle Probleme, doch setzte man auf Rudis neu erworbene Kenntnisse als Maurer und seine sonstigen handwerklichen Fähigkeiten, die er sich im Laufe der Zeit angeeignet hatte. Und tatsächlich schaffte es die Familie, sich in etwa eineinhalb Jahren mit Unterstützung von Freunden ein Haus zu bauen. Man nannte das Bauwerk nach Rudis zweitem Vornamen und nach dem Namen seines Onkels »Haus Michael«. Sein ganzes Leben lang steckte Koller mit seiner Familie viel Arbeit in Ausbau und Verschönerung des Hauses. Doch auch sonst kannte der damals noch junge Handwerker kaum etwas anderes als Arbeit, oft bis spät in die Nacht hinein.

Anfang der 70er-Jahre wechselte Rudi Koller zu den Amerikanern. Bei der US-Army fungierte er als Busfahrer und Fahrdienstleiter in der Strub. In dieser Zeit gründete der Engedeyer auch eine Familie. 1975 heiratete er Veronika Hölzl, im selben Jahr kam Tochter Alexandra und fünf Jahre später Tochter Kathrin zur Welt.

Als sich die Amerikaner im Jahr 1996 aus Berchtesgaden verabschiedeten, arbeitete Rudi Koller dann noch einige Zeit für das Baugeschäft Nikolaus Schweiger in Bischofswiesen, bis er zur Ausbildungsstätte des damaligen Bundesgrenzschutzes nach Kühroint wechselte. Hier war er im Büro für die Ausbildungskurse zuständig und wartete außerdem den Fuhrpark.

Als das Glück verschwand

Hatte Rudi Koller bis dahin in seinem Leben ausschließlich Glück gehabt, so verließ ihn Fortuna dann ganz plötzlich am 7. August des Jahres 2009. Der leidenschaftliche Motorradfahrer wollte mit seiner Maschine nur kurz etwas beim Metzger holen. An diesem heißen Sommertag saß er ohne Schutzkleidung mit kurzer Hose auf seiner Maschine, als ihm auf der Ramsauer Straße ein zum Stangerberg abbiegender Pkw-Lenker die Vorfahrt nahm. Nach dem Zusammenprall hing Rudi Kollers Leben am seidenen Faden. Zwar retteten die Ärzte damals nach dreiwöchigem Koma Kollers Leben, doch die schwersten Verletzungen, die der damals 58-Jährige beim Unfall erlitten hatte, sollten ihn künftig enorm einschränken. Trotz vieler Operationen, Krankenhaus- und Reha-Aufenthalte in den folgenden Jahren kämpfte sich der Engedeyer zurück ins Leben. Nur mit dem Bergsport sollte es nicht mehr richtig funktionieren. Das von ihm so geliebte Mountainbikefahren musste er komplett aufgeben, auch seine Leidenschaft als Skitourengeher und Bergsteiger ließ spürbar nach. Und natürlich konnte Rudi Koller nach dem Unfall seine Arbeit nicht mehr aufnehmen, er ging in Rente.

Schnell wusste Rudi Koller die nun im Überfluss vorhandene Freizeit anderweitig zu nutzen. Neben dem Schwammerlsuchen und dem traditionellen sonntäglichen Kirchgang in die Franziskanerkirche legte Rudi Koller fortan noch größeres Engagement in seine Aufgabe als 1. Vorsitzender der Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes. Die Vereinigung hatte ihn bereits im Jahr 2006 zu ihrem Vorsitzenden gewählt.

Spitzname »Zapfen-Rudi«

Insgesamt 14 Jahre sollte Rudi Koller an der Spitze der Vereinigung stehen. In dieser Zeit setzte sich der Engedeyer mit ungeheurer Zähigkeit für die Belange dieses Brauchtums ein. Seinen wohl wichtigsten Sieg erkämpfte sich Koller im sogenannten Holzzapfen-Streit von 2007 bis 2010. In einer dreijährigen Auseinandersetzung mit dem Gewerbeaufsichtsamt, dem Bayerischen Sozialministerium und dem Bayerischen Wirtschaftsministerium schaffte er es mithilfe eines Gutachtens, dass die Berchtesgadener Weihnachtsschützen statt mit dem Ladestock wieder mit dem Holzzapfen verdämmen durften. Der Spitzname »Zapfen-Rudi« stammt aus jener Zeit und blieb ihm bis zuletzt.

Die Hartnäckigkeit Rudi Kollers, die man berchtesgadenerisch auch »dickisch« nennen könnte, bekam auch der Gauverband I zu spüren, mit dem es Meinungsverschiedenheiten zur Anschubfinanzierung des »Haus der Trachten« gab. Dass es hier am Ende zu einer Sonderregelung kam, war dem Engagement Kollers zu verdanken.

Auch in den letzten Jahren seiner Amtsführung ließ Rudi Koller in seinem Tatendrang nicht nach. Seiner Initiative war es zu verdanken, dass der »Berchtesgadener Anzeiger« im Jahr 2018 das »Berchtesgadener Mundartbuch« der Weihnachtsschützenvereinigung neu auflegte. Jeder Grundschüler bekommt seitdem ein kostenloses Exemplar dieses Nachschlagewerks.

Ebenfalls 2018 wurden die Berchtesgadener Weihnachtsschützen schließlich in das Landesverzeichnis des Bayerischen Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Diese Auszeichnung war auch der Grund für den Heimatkundepreis, den der Heimatkundeverein Berchtesgaden den Weihnachtsschützen im Juni 2019 verlieh.

Strenge zu sich selbst

Sogar in den letzten Wochen seines Lebens war Rudi Koller noch unermüdlich für seine Weihnachtschützen unterwegs. In Berlin kämpfte er für eine Änderung der Böllerwiederholungsprüfung und am 2. Dezember schossen die Berchtesgadener Weihnachtsschützen vor dem Bayerischen Landtag aus Anlass des Bayerischen Verfassungstages. Dass es dem Engedeyer zu dieser Zeit gesundheitlich bereits ziemlich schlecht ging, merkten nur wenige. Denn mit grenzenloser Strenge zu sich selbst erfüllte der 69-Jährige bis zuletzt seine Pflichten als Vereinigungschef und als Opa von vier Enkeln.

Und weil Rudi Koller immer alles exakt geregelt haben wollte, kümmerte er sich auch noch rechtzeitig um seine Grabstätte. Im Alten Friedhof konnte er erst kürzlich ein Grab erwerben. Denn es war Kollers Traum, hier einmal seine ewige Ruhe zu finden. Dorthin wird am Freitag seine letzte Reise führen. Ulli Kastner


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