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Der Zauber handgemachter eigener Lieder

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Lucie Mackert, Peter Fischer und Robert Heigl bei ihrem Auftritt in Traunstein. (Foto: Mergenthal)

Die klassischen deutschen Liedermacher mit gesellschaftskritischen Texten, wie etwa Konstantin Wecker, Hannes Wader oder Reinhard Mey, haben längst das reifere Alter erreicht. Wird es das handgemachte Lied zur Gitarre oder zum Klavier bald nicht mehr geben, mag man sich da fragen. Wer nun beim Liedermacherabend im Studio 16 in Traunstein war, spürte, dass diese Furcht unbegründet ist. Robert Heigl, Peter Fischer und Lucie Mackert präsentierten sich unter dem Motto »Einmal Utopie bitte!« als quicklebendige junge Münchner Liedermacherszene.


Bereits im vergangenen Sommer waren der gebürtige Traunsteiner Robert Heigl und Peter Fischer, die beide bereits mit Liedermacher-Preisen dekoriert worden sind, in Traunstein zu Gast. Nun hat sich die Qualität ihrer Musik herumgesprochen und noch einige weitere Zuhörer in den sehr geeigneten, intim-familiären Konzertraum gelockt. Und sie haben in Lucie Mackert eine junge, begabte Musikerin und Sängerin gefunden, die ihre philosophisch-feinsinnige Präsentation mit einer höchst individuellen Note wunderbar bereichert.

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»Geh nicht in den Wald, mein Kind«, sang sie mit ihrer warmen, magischen Stimme im von ihr komponierten Rotkäppchen-Lied, bei dem Heigl ausnahmsweise das erzählerische Akkordeon spielte statt der Gitarre. Diese märchenhaften musikalischen Bilder, die mit einem Wolfsheulen ausklangen, waren ein passender Auftakt zu dem utopischen Programm des Abends. In lockerem Wechsel präsentierten die drei Sänger und Musiker Solo-Nummern, bei denen sie sich zum Teil spontan gegenseitig begleiteten, und gemeinsame Lieder.

Peter Fischer thematisierte mit feiner Selbstironie die Existenz des freien Musikers und wob in seine Texte und seine mit Leichtigkeit über die Klaviertasten plätschernde Musik unauffällig gesellschaftskritische Anspielungen hinein. Er hätte statt Musiker Bundespräsident werden sollen, meint er im Lied »Geduld zahlt sich aus«. Man sage ihm zwar Dynamik nach, aber »die Dynamik meines Kontostands gleicht den Mitgliederzahlen der SPD«. Ein anderer Text schildert, wie ein desillusionierter Gutmensch rücksichtslos und erfolgreich wird: Die alte Kleidung verbrannte er, die Großmutter verbannte er ins Altenheim....

Ein neuer Song voller Ausdruckskraft holt die Gestalt von Jesus in die heutige Zeit und präsentiert einen frechen, ungeschminkten Dialog zwischen Jesus und Gottvater. Dass Jesus seiner Zeit voraus war, ging Fischer zufolge bereits im Kripplein los; Marias Brust zu fordern, sei ihm zu sexistisch erschienen. »Sie rief: ,Das ist doch ganz natürlich, stell dich nicht so an!’ Doch Jesus erste Worte waren: ,Aber nicht vegan!’«, dichtete der Liedermacher wörtlich, und: »Du musst uns nicht erlösen, weil wir Teil der Lösung sind. Halte uns den Spiegel vor und nicht die Wangen hin«. Auch aktuellen Themen wie Pegida, AfD und verkapptem Fremdenhass widmet er sich.

Ein Loblieb auf die unnützen Dinge sang Robert Heigl zur Gitarre: »Ich habe mir eine Giraffe gekauft, die ist aus antikem Holz. Unpraktisch, aber schön...« Er outet sich als Fan von Steckrübenrezepten und schwört zur fetzig geschlagenen Gitarre aus leidiger Erfahrung: »Keine Versprechen in Exstase mehr«. In einem bittersüß-ironischen Danklied an die Pharmaindustrie schildert er deren Präsenz in unserem Alltag. »Hast du Lust, so richtig billig für mich zu tanzen?«, fragt er mit spitzbübischem Charme und besingt mit Poesie eine alte Liebe: »Lass uns noch was trinken gehen bei Giovanni...« Eine eindrucksvolle, seinem jungen Neffen gewidmete Ermutigung zur Zivilcourage ist das neue Lied »Geh da jetzt raus«.

Ein starkes Lied über eine Fernbeziehung und das Gefühl, im falschen Zug zu sitzen, schrieb Lucie Mackert und versteckt darin auch jede Menge knackige Aussagen, zum Beispiel Konsumkritik: »Zur Vertuschung von wirtschaftlichen Kriegen zeigen Werbetafeln mir auch hier die selben Lügen und geben mir die Chance, mich selbst zu betrügen. Ich wünschte, ich wäre nie eingestiegen und stattdessen einfach bei dir geblieben.« Schräg, herzerfrischend natürlich und unkonventionell wie ihre ganze Erscheinung sind ihre Songs, von der »Klampfansage« bis hin zum Monolog ihres eigenen Sofas. Die Feinheit ihres Gitarrenspiels und die Geschmeidigkeit ihrer Stimme waren ein Vergnügen. Wer nicht da war, hat was versäumt. Veronika Mergenthal