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Deutsche Songpoeten: Neues von Max Prosa und Enno Bunger

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Max Prosa
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Max Prosa hat sich seine Unangepasstheit bewahrt. Foto: Britta Pedersen Foto: dpa
Enno Bunger
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Enno Bunger setzt voll auf Gefühl. Foto: Dennis Dirksen/check your head/Columbia/Sony Foto: dpa

Mey, Wecker und Wader hatten mit dem Begriff Liedermacher kein Problem. In den nächsten Generationen ist das teilweise anders. Fest steht: Deutschland hat wieder viele respektable Songpoeten.


Berlin (dpa) - Es liegt auch dieses Jahr wieder in der Luft: das seit längerem anhaltende Kreativ-Hoch bei jüngeren deutschen Songpoeten.

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Ja, so muss man diese Musiker wohl nennen, will man das angestaubte Wort »Liedermacher« für Veteranen wie Konstantin Wecker, Reinhard Mey und Hannes Wader oder aber den im Englischen üblichen Genre-Begriff »Singer-Songwriter« vermeiden.

Männer wie Gisbert zu Knyphausen, Niels Frevert, Moritz Krämer, Tim Bendzko und Philipp Poisel - Frauen wie Dota Kehr, Alin Coen und Anna Depenbusch: Die Liste respektierter und erfolgreicher Songschreiber ist schon recht lang. Neue Platten von Max Prosa (29) und Enno Bunger (32) liegen daher nun voll im Trend.

Beide treten den Beweis an, dass sich mit deutschen Texten Gefühle und Erlebnisse jenseits von Schlagerkitsch oder Gangster-Rap glaubhaft transportieren lassen. »Ich suche nach einem Funken vom höheren Glück«, singt Max Prosa im Lied »Die Suche«, dem besten seines fünften Studioalbum »Mit anderen Augen«. Und er fährt fort: »Ich schließe die Augen und ich bin in meinem Raumschiff/Der Himmel ist immer anders, als er vorher war...«

Eine Traumsequenz ohne Klischees und abgedroschene Phrasen - Fremdschäm-Gefahr gleich null. Zumal der Berliner Prosa - im normalen Leben Max Podeschwig - sich seine Unangepasstheit bewahrt hat. Der mal nölige, mal kratzige Gesang passt zu den von Rock, Folk und Piano-Pop grundierten neuen Songs, man hört eine angenehme Nähe zu den schon erwähnten Kollegen Knyphausen und Frevert.

Dass Prosa ein Fan des großen Rio Reiser (1950-1996) ist, lässt sich nicht nur in Balladen wie dem (an »Junimond« erinnernden) »Fieber« erahnen. Im nachdenklichen »Das Leben ist schön« bratzt plötzlich die Gitarre von Ralph Peter Steitz drauflos, besser bekannt als R.P.S. Lanrue: Der heute 69-Jährige war einst zusammen mit Reiser Mitbegründer der links-alternativen Band Ton Steine Scherben.

Mit »Die Phantasie wird siegen« (2012) gehörte Prosa früh zur neuen Welle deutscher Songpoeten. Das selbstbewusste aktuelle Album bestätigt nun den guten Eindruck: Beatles-Zitate (das Mellotron in »Du fehlst«), lässiger Sprechgesang (»Am 23. Juli«, »Reise in die vergangene Welt«), ein rauer Blues (»Die Spiegelung der Sterne auf dem See«) - die Arrangements von »Mit anderen Augen« sind ebenso spannend wie die Texte.

Verglichen mit den teilweise recht schnoddrigen Prosa-Songs sind Enno Bungers Lieder unverstellt emotional. Melancholie und entwaffnende Ehrlichkeit des gebürtigen Ostfriesen muss man schon an sich heranlassen - sonst wird es schwierig mit seinem vierten Album »Was berührt, das bleibt«. Auch weil Bungers Weichzeichner-Produktion - warmer Gesang, Keyboards, Zeitlupen-Beats, Streicher und Bläser - zunächst eher konventionell daherkommt.

Wenn der bärtige Sänger und Pianist hymnisch von seinem besten Freund erzählt (»Ponyhof«), wenn er den Umgang mit der Krebs-Erkrankung eines geliebten Menschen thematisiert (»Stark sein«) oder eine Grabrede vertont (»Konfetti«) - dann ist die Kitsch-Grenze in Sicht. Aber Bunger überschreitet sie nur ganz selten.

Bisweilen findet auch er Worte, die der Songpoesie eines Gisbert zu Knyphausen nahe kommen, etwa im Lied »Glaube an die Welt«: »Und dann denkst Du, dass das Glück doch übertreibt/Hast einen Wunsch, dass es bitte noch so bleibt/Alles ist gut, hast du noch gerade fest geglaubt/Bis dir das Leben in die Fresse haut.« Bunger ist auch Realist - aber mehr noch ein Romantiker, der die Liebe von einem kurzfristigen »One-Night-Stand« so gern zum dauerhaft beständigen »One-Life-Stand« (Songtitel) verlängern möchte.

Es sind also gute Zeiten für Fans ambitionierter deutscher Popmusik: Nach Max Prosa und Enno Bunger stehen für Sommer und Herbst weitere Songpoeten mit neuen Platten in den Startlöchern.

Das Berliner Quartett Die Höchste Eisenbahn mit den formidablen Textern Moritz Krämer und Francesco Wilking veröffentlicht am 16. August sein drittes Studioalbum »Ich glaub dir alles«. Am 30. August erscheint »Athen« vom früheren Freundeskreis-Frontmann Max Herre. Niels Frevert folgt am 6. September mit »Putzlicht« - nach ersten Eindrücken ein Meisterstück seiner fast 30-jährigen Karriere. Und Tim Bendzko (der Blonde mit dem Hit »Nur noch kurz die Welt retten«) bringt am 18. Oktober nach zwei deutschen Nummer-eins-Alben das mit Spannung erwartete vierte Werk »Filter« heraus.

Webseite Max Prosa

Webseite Enno Bunger