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Die morgendliche Visite in den mit jeweils 18 Patienten belegten Krankensälen war eine besondere Herausforderung. Die Gerüche waren gewöhnungsbedürftig, gesteht Josef Schuhbeck.

Deutsche Urologen operieren ehrenamtlich im Westen Afrikas – unter ihnen auch Dr. Josef Schuhbeck aus Traunstein

Der Verein »Die Ärzte für Afrika« unterstützt seit fast 15 Jahren die medizinische Versorgung in Ghana. Jeweils zweimal im Jahr reist ein Ärzteteam für knapp drei Wochen in eines der sechs Krankenhäuser, die unterstützt werden, und leistet einen wertvollen Beitrag zur besseren urologischen Versorgung der Menschen. Zu den Medizinern, die dafür einen Teil ihres Jahresurlaubs opfern, gehört auch Dr. Josef Schuhbeck, der in Traunstein zusammen mit zwei Kollegen die Urologische Abteilung am Klinikum Traunstein leitet und mit seinem Team auch für die urologische Versorgung von jährlich nahezu 2000 Patienten im Klinikum Traunstein zuständig ist. Zudem werden die urologischen Praxen in Traunstein und Bad Reichenhall betrieben. 


In einem Gespräch mit unserer Zeitung gab Schuhbeck Einblicke in seine Arbeit in Ghana und schilderte seine Eindrücke aus dem Land, das etwas kleiner ist als die alten deutschen Bundesländer zusammen und gut 30 Millionen Einwohner hat. Von einem Kollegen erfuhr Schuhbeck vor etlichen Jahren von dem 2007 gegründeten Verein »Die Ärzte für Afrika«, dem heute rund 300 Mitglieder angehören. Und er erfuhr, dass in Ghana akuter Mangel an Urologen herrscht. Von den wenigen Medizinern dieses Fachgebiets sind im Jahr 2006 vier bei der Heimfahrt von einem Ärztekongress in einem Pkw tödlich verunglückt. Daraufhin gründete sich der Verein.

In gut sechs Stunden von Amsterdam nach Ghana

Für den Traunsteiner ist es bereits der zweite Einsatz im Rahmen dieser Hilfsmission. Mit von der Partie waren diesmal die Urologinnen Dr. Eva Falkensammer aus Wels in Oberösterreich, Dr. Cathrin Arden sowie die OP-Schwester Katharina Ponert, beide aus Nürnberg. Das Quartett traf sich am Flughafen in Amsterdam, von wo aus es den sechseinhalbstündigen Flug in Ghanas Hauptstadt Akkra antrat.

Das 1960 von acht Klosterschwestern aus Speyer gegründete St. Dominics Hospital in Akwatia ist zwar nur gut 100 Kilometer vom Flughafen entfernt; die Fahrt mit dem Geländewagen dorthin dauert aber rund drei Stunden, denn die Straßen sind in einem sehr schlechten Zustand. »Und unterwegs mussten wir aus einem Depot im Mutterhaus des Klosters auch noch große Alukisten mitnehmen, in denen seit der letzten derartigen Aktion im Frühjahr die Operationsinstrumente und anderes Zubehör aufbewahrt wurden.« Urologische Behandlung gibt es in der Klinik nämlich nur während der wenigen Wochen, in denen die Ärzte aus Deutschland und Österreich hier tätig sind.

In den Monaten dazwischen legt das Klinikpersonal eine Liste mit den Namen der Menschen an, die bei der nächsten Aktion operiert werden müssten. Schuhbeck und seine Kolleginnen untersuchen die Patienten und entscheiden über das weitere Vorgehen. Dann folgen die Operationstage mit den auch bei uns üblichen Eingriffen: Entfernung der Prostata oder Beseitigung von Blasentumoren, endoskopische Entfernung von Blasensteinen und andere Behandlungen.

Zwischen den Operationen bleibt genug Zeit zur Erholung. Bis der OP-Saal nämlich desinfiziert und für den nächsten Eingriff vorbereitet ist, dauert es etwa eine dreiviertel Stunde. In Traunstein ist nach 20 Minuten wieder alles für den nächsten Patienten bereit. »Man muss viel Geduld mitbringen und Teil des Teams werden. Nur so funktioniert es«, sagt Schuhbeck. Niemand habe es hier besonders eilig. Die Patienten in Ghana haben gelernt, Geduld zu haben. Sie kommen oft schon zwei oder drei Tage vor dem vereinbarten OP-Termin zum 300-Betten-Krankenhaus in Akwatia.

»Die Patienten sind eine Schau«, schwärmt Schuhbeck. Es gibt keine interkonfessionellen Probleme und das höchste für sie ist, wenn das Ärzteteam mit ihnen ein Foto macht. So entwickelt sich innerhalb kürzester Zeit ein freundschaftliches, aber respektvolles Miteinander. Die Helfer aus Europa leben in einem komfortabel aussehenden Gästehaus auf dem Klinikgelände, das rund um die Uhr von bewaffneten Wächtern geschützt wird. Es gibt sogar fließend Wasser – wenn auch nur kaltes. Aber daran gewöhnt man sich schnell bei Außentemperaturen um die 30 Grad.

Wichtigstes Bindeglied für Organisation und Kommunikation ist der Physician Assistent, der deutlich mehr Kompetenzen und Aufgaben hat als ein Krankenpfleger bei uns. Er ist auch bei der morgendlichen Visite dabei, die für das Ärzteteam sehr gewöhnungsbedürftig war. Dreimal am Tag, auch vor der Visite um halb acht Uhr früh, dürfen nämlich die Angehörigen der Patienten in die Krankensäle, in denen jeweils 18 Betten stehen. Sie bringen Essen und Getränke, denn darum kümmert sich die Klinik nicht. Auf dem Klinikgelände gibt es Marktstände, an denen die Angehörigen einkaufen können. Wie es nach einer langen Nacht mit so vielen Patienten und einem Essen mit landestypischen Zutaten in den Räumen riecht, kann man mit Worten nicht beschreiben.

»Aber danach verlief der Tag immer sehr entspannt«, betont Josef Schuhbeck, der sich als echter Afrika-Fan zu erkennen gibt. Er habe schon mehrfach Urlaub auf diesem Kontinent gemacht und 15 Länder in Schwarzafrika bereist. Erst wenn man sich das alles angeschaut hat, kann man mitfühlen und mitreden. »Und was wir in Akwatia tun, ist ein Zeichen für die Leute, dass nicht alle Weißen gleichgültige Menschen sind. Wir leisten dazu einen kleinen Beitrag und haben die Menschen glücklicher gemacht. Wenn keiner was macht, passiert gar nichts«, betont der Urologe.

Hat er denn gar keine Angst vor Corona in einem so schlecht entwickelten Land? Die Pandemie, so Schuhbeck, ist dort so gut wie kein Thema. Aids und TBC zum Beispiel sind die Krankheiten, die in Ghana wirklich Probleme bereiten.

Man muss als Helfer aber auch die eine oder andere Kröte schlucken. Obwohl geimpft und getestet, muss man sich am Flughafen erneut einem Coronatest unterziehen und wird dafür mit 150 Dollar zur Kasse gebeten. Natürlich muss man auch die Visagebühren, 110 Euro, voll bezahlen – Eintrittsgebühren in ein Land, in dem man nur helfen will.

Warum tut man sich das an? Die Liste, die Josef Schuhbeck aufzählt, ist lang, deshalb nur einige Punkte: Man wird gelassener, man lernt Dinge zu akzeptieren, schärft die eigene Persönlichkeit, kann hinter die Kulissen blicken und erlebt eine überwältigende Herzlichkeit. Er versucht, das mit einem Zitat zu verdeutlichen, das dem deutschen Forschungsreisenden Alexander von Humboldt zugeschrieben wird: »Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.«

-K.O.-