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Dialogpredigt in Tuchfühlung mit dem Volk

Berchtesgaden – Gänsehaut-Gefühl zaubert die Acoustic-Cover-Band »Ragtag«, ehemalige Ministranten der Stiftskirche, mit sanfter Gitarren-Power und kultigen mehrstimmigen Songs. Umgeben sind die etwa 300 Menschen auf dem Lockstein von Bergriesen wie Hohem Brett, Schneibstein, Watzmann und Untersberg. Ein perfekter Sommertag klingt bei der Kapelle der Seligpreisungen im Gespräch mit Reinhard Kardinal Marx auf außergewöhnliche Weise aus.

Nach dem offiziellen Teil suchte der Kardinal – hier mit einer Gruppe Auer Ministranten – an den Biertischen das Gespräch mit den Menschen. Fotos: Anzeiger/Mergenthal

Dieses Glaubensgespräch war eines von sechs Gesprächen mit dem Kardinal in der ganzen Erzdiözese über das Glaubensbekenntnis, anlässlich des »Jahres des Glaubens«. Diesmal organisierte das Kreisbildungswerk einen Abend zum Zündstoff bergenden Thema »Ich glaube an die Kirche«.

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»Wir sind in einer Verteidigungshaltung«, bedauerte Marx. Provokativ fragte er, ob Jesus die Kirche überhaupt wollte. Dafür spreche, dass er die Menschen versammelt habe, Ostern erst in der Begegnung konkret geworden sei und auch die Menschen den Glauben in der Gemeinschaft entdeckt hätten. Die Kluft zwischen »Schein und Sein« sei »Leiden und Ärgernis von Anfang an« gewesen.

Nach 17 Jahren im Bischofsdienst könne er auf einer Waage auf die eine Seite 1 000 Gründe gegen die Kirche legen. »Auf die andere Seite lege ich einen einzigen Namen: Jesus von Nazareth.« Von Papst Franziskus erhofft er eine Erneuerung, wie sie die Kirche immer wieder brauche. Er erklärte auch die vier Adjektive, die ihr im Credo zugesprochen werden: »eine« Kirche bedeutet für ihn Einheit in der Vielfalt, auch der Lebensstile, der Kulturen. »Heilig« stehe für das, was Menschen nicht machen können, »katholisch« für allumfassend und »apostolisch« für die Verbindung zum Ursprung.

Später im von Stefan Eß, Direktor des Sankt Michaelsbundes, moderierten Gespräch ging der Erzbischof auf jede Frage ein, wie die nach Sinn und Zweck der Kirchensteuer. Er deutete diese als Solidarbeitrag, den ohnehin nur die zahlten, die Geld haben. Es gehe auch ohne, wie sich in anderen Ländern zeige. Doch dann tauchten andere Probleme auf: Die Kirche sei von reichen Geldgebern abhängig oder Gläubige müssten, wie oft in der Dritten Welt, sogar für Sakramente bezahlen.

Keine Diskriminierung Homosexueller

Beim Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten lehnte Marx eine generelle Lösung ab: »Es wird keine zweite sakramentale Ehe geben«, stellte er klar. Doch nie dürfe ein Seelsorger Menschen vermitteln: ›Gott liebt dich nicht mehr‹. Es gelte, im Einzelfall Wege zu suchen. Eine Diskriminierung Homosexueller kommt für ihn trotz kritischer Worte dazu in der Heiligen Schrift nicht in Frage: Jeder Mensch sei Bild des lebendigen Gottes: Dennoch sei die Hingabe zwischen Mann und Frau »die entscheidende Beziehung, die für das Leben offen ist«.

Die Frage, ob sich die Kirche nicht stärker für Gerechtigkeit engagieren müsste, bejahte Marx: »Statt zu überlegen, wie die Kirche überleben kann, sollten wir uns fragen: Wozu sind wir gesandt?«

Ein älterer Mann nannte die Grenze, die in konfessionsverschiedenen Paaren und Familien gezogen werde, »unerträglich«, wenn doch alle Christen Glieder am Leib Christi seien.

Für Marx bleibt wegen der zwischen den Konfessionen umstrittenen Bedeutung der Eucharistie ein gemeinsames Mahl beim Gottesdienst problematisch. Junge Leute fragten, ob es unbedingt die Institution Kirche braucht. Die Frage »Muss Kirche so sein?«, verneinte der Erzbischof klar. Die Frage »Muss sie eine Institution sein?« bejahte er: Sie biete als »verlässliche, langfristige, nachhaltige Gemeinschaft« eine gewisse Verlässlichkeit durch die Jahrhunderte hindurch; vielleicht müsse man da einen anderen Namen als das negativ besetzte Wort »Institution« suchen.

Zur Frage, ob die Schöpfung so entstand wie in der Bibel beschrieben oder durch Evolution, sagte Marx, es gebe davon kein Protokoll. Das biblische Schöpfungslied zeigt für ihn, dass die Natur nicht Gott ist, sondern lediglich geschaffen ist. Was sagt er einem Jugendlichen, der sagt: »Ich kann das alles nicht glauben«, wollte eine Frau wissen. Alles zu glauben sei unmöglich, erwiderte der Kardinal. »Eine Kirche, die zu selbstsicher auftritt, kann niemand überzeugen.« Die Trennung zwischen Glaube und Unglaube sei zudem nicht so scharf wie viele glauben. Er würde dem Jugendlichen sagen: »Du musst nicht alles glauben. Glaube einfach, dass du geliebt wirst.«

Gesellschaftliche Realitäten anerkennen

Bei der Frage, ob Kinderkrippen die Kinder nicht zu früh aus den Familien reißen und warum die Kirche als Träger da mitmacht, zeigte der Bischof, dass er die gesellschaftliche Realität sieht: »Wir haben halt eine wachsende Zahl von Alleinerziehenden. Denen müssen wir helfen.« Zugleich räumte er ein, dass die Erfahrung der elterlichen Liebe in den ersten Lebensjahren von großer Bedeutung ist. Es komme aber nicht auf die Stundenzahl, sondern die Intensität an.

Um seine Botschaft zu verbreiten, nutzt Marx auch Facebook und Twitter. Er verriet aber, hier sei er in den letzten fünf Jahren kritischer geworden: »Ich muss es selber machen, und es bleibt für immer drin.« Mit dem gemeinsam gesprochenen Glaubensbekenntnis und dem bischöflichen Segen klang der Dialog aus. Veronika Mergenthal