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Die Antike in zerklüfteten Spiegelbildern

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Der kniende Torso des »Illioneus« neben dem knienden Torso von Andreas Kuhnlein ist einer der Ausstellungshöhepunkte in der Glyptothek. (Foto: Glyptothek)

Wenn der Bildhauer Andreas Kuhnlein seine Kettensäge ansetzt, dann fliegen im wahrsten Sinne des Wortes die Fetzen. In einem Akt elementarer Kraftentfaltung werden dabei aus Eschen- oder Eichenstämmen gleichnishafte Bildnisse vom Menschen – von seiner Brutalität, seiner Verletzlichkeit und Vergänglichkeit.


Kuhnlein reißt die Oberflächen seiner »Zerklüfteten« auf, um jenseits von Schein und Sein ihr Innenleben, ihr Wesen deutlich zu machen. In den vergangenen 20 Jahren hat der Unterwössener diese expressive Technik zu stilbildender Meisterschaft weiterentwickelt und damit Menschen bei Ausstellungen in 16 Ländern berührt.

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Spannendes Experiment moderner Kunstbegegnung

Ein spannendes Experiment moderner Kunstbegegnung wagt jetzt die Münchner Glyptothek. In ihrer aktuellen Sonderausstellung »Zerklüftete Antike« konfrontiert sie noch bis 30. Oktober 16 Holzskulpturen von Andreas Kuhnlein mit Meisterwerken der Antike. Glatter Marmor trifft auf schrundig aufgerissene und abgeflämmte Holzoberflächen. Idealisierte Körper von vor 2000 Jahren, die die Zeit teilweise zu Fragmenten gemacht hat, blicken auf Holzskulpturen der Gegenwart, deren Fragmentcharakter künstlerische Absicht zu Grunde liegt.

»Kunst soll eine Botschaft vermitteln«, lautet das Credo des Unterwösseners. Nachdem er sich bereits früher mit historischen Herrscherfiguren wie »Otto dem Großen« oder mythischen Gestalten wie »Sisyphos« beschäftigt hat, konzentriert der 62-Jährige in der Glyptothek seinen Fokus voll und ganz auf eines der herausforderndsten Themen für jeden Künstler: die Antike. In seinem im Auftrag Apolls geschunde-nen »Marsyas« oder dem Kriegerfragment aus den Ägineten-Fries bietet der mehrfach preisgekrönte Chiemgauer quasi eine moderne Interpretationshilfe des Grauens, das die antiken Skulpturen hinter einem Lächeln oder glatter Oberfläche verbergen.

Hass und Eifersucht, Raserei, Folter und Quälerei: Es gibt keine menschlichen Abgründe, die dem Götter- und Heldenkosmos der antiken Mythologie fremd wären. Selbst in scheinbar harmlosen Meisterwerken der Spätklassik wie dem von Bayern-König Ludwig I. für eine horrende Summe erworbenen knienden Torso des »Illioneus« verbirgt sich eine Tragödie: Als jüngster Sohn der Thebanerkönigin Niobe büßte er deren Götterschmähung mit seinem Tod und gilt seitdem als »Mahnmal für Sterbliche«. Die räumliche Gegenüberstellung mit dem knienden Torso von Kuhnlein macht diese Installation zusammen mit der Beleuchtungssituation zu einem der Ausstellungshöhepunkte, die zum Umrunden einlädt. »Kunst bringt Bewegung in den Kopf«, sagt Kuhnlein dazu.

Andreas Kuhnlein präsentiert freie Arbeiten

Neben direkten Gegenüberstellungen in penibel vermessenen »Spiegelfiguren« der antiken Welt präsentiert Kuhnlein auch freie Arbeiten wie »Herakles«, »Zeus«, oder »Adonis und Aphrodite«, die die Götter, Helden und Denker des Altertums spannend zum Leben erwecken. Ergreifend in seiner Qual rollt »Sisyphos« seine Felskugel eine Rampe der Glyptothek hinauf. Die ausgelassene Stimmung der »Hoch-zeit des Weingottes Dionysos« auf einem Sarkophagfries greift Kuhnleins »Kentaur« auf. »Diogenes« wiederum hebt seine Hand vor Alexander dem Großen zu dem legendären Ausspruch »Geh mir aus der Sonne«. Dass sich das Thema des antiken Torsos in einem zerklüfteten Torso nochmals zeitgemäß steigern lässt, zeigt sich im Vergleich der penibel vermessenen Version des Unterwösseners mit dem 2000-jährigen Vorbild eines steinernen Jünglings-Fragments.

Die Ausstellung in der Glyptothek wird ergänzt durch ein umfassendes Begleitprogramm mit Tänzen, Musik und Dialogführungen. Infos gibt es im Internet unter www.antike-am-koenigsplatz.mwn.de. Geöffnet ist täglich außer Montag von 10 bis 17 Uhr sowie am Donnerstag bis 20 Uhr. Axel Effner