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Die Farbe als geistige Kraft

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Eines der farbintensiven Werke von Hermann Wagner.

Der Seeoner Maler Hermann Wagner feierte heuer Ende Juli seinen 85. Geburtstag. Anlass genug, ihm eine Ausstellung zu widmen. Mit dem Titel »Jenseits der Dinge« sind von ihm in der evangelischen Kirche in Trostberg bis zum 6. Oktober 13 Gemälde zu sehen. Öffnungszeiten sind Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag und Samstag von 14 bis 18 Uhr, Mittwoch von 10 bis 12 Uhr sowie Sonntag von 11 bis 16 Uhr.


Beim Betreten der Kirche wird der Besucher gleich auf das in der Mittelachse platzierte Bild mit dem Titel »Berg« aufmerksam, das Hermann Wagner als zentrales Bild für die Ausstellung wählte. Es steht in enger Verbindung zum Berg Moses und zum Berg Ararat und soll an einen Neuanfang erinnern. Gleichzeitig verweist das Gemälde auch auf die Gegenwart, auf die Umwelt, in der die Gletscher schmelzen. Ein aktuelles Thema, das den Betrachter zum Nachdenken anregen soll. Im Gegensatz zu seinen anderen ausgestellten Arbeiten, ist dieses Werk im Farbgestus aufgewühlt und in der Farbgebung heftiger. Nicht die waagrechte Bildkomposition bestimmt dabei den Ausdruck, sondern die Senkrechten nach oben.

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Die Farbe ist von Anfang an Beweggrund für die Arbeiten Hermann Wagner, sie ist bestimmend für seine künstlerischen Werke und sie teilt sich auf besondere Art und Weise dem Betrachter mit. In der Kirche sind zwei unterschiedliche Farbstimmungen angeordnet. Exponate mit hellen Farben, Ausdrucks des Positiven, des Glücks, der Freude und des Lichtes, sind auf einer Seite zu sehen. Auf der gegenüberliegenden Seite ist die Wand mit Bildern in dunkler Farbgebung, meist Blautönen, bestückt, die die nicht so schönen Seiten des Lebens, die Not, die Trauer, die Dunkelheit, jedoch mit hellen Farbfenster und Lichtblicken, symbolisieren.

In Hermann Wagners Arbeiten scheint die Farbe vielfach von der Eingebundenheit in die Stabilität des Bildbaues frei zu sein für eine schwebende Anwesenheit; und sie ist nicht mehr an eine Form festgemacht, sondern lässt diese, wie auch den Raum, durch ihr Scheinen, ihr Aufleuchten, ihr Verdämmern als ihre eigene Erscheinungsform entstehen – bei einigen Bildern könnte man vielleicht von einer Form als Leuchtspuren der Farbe sprechen.

Der Maler behandelt die Farbe so, dass sie praktisch auch das Bild als Farbträger und die damit verbundenen Beeinflussungen des Sehens vergessen lässt. Ausdrucksstark in seinen Arbeiten sind seine Farbmodulationen, von dunkel nach hell, von einem Orange etwa zu hellem Gelb. Durch die Entgegensetzungen von Farben entsteht visuell Räumlichkeit – eine Räumlichkeit besonderer Art. Wenn zum Beispiel ein Streifen in der unteren Bildhälfte das sich von oben nach unten leicht aufhellende Orange oder Rot darüber begrenzt, drängt sich nicht der Gedanke einer unbedingt rationalen Ordnung auf, sondern einer gleichsam »natürlichen Geordnetheit«. In einigen seiner ausgestellten Werke hat Wagner die »Eingrenzung« der Farbe gänzlich gelöst, und es entstehen fast monochrom modulierte Farbfelder. Durch die Modulation kommen die Farbpigmente in Schwingung und werden nahezu entmaterialisiert. Die Farbe wird in der Weise vom Farbträger Bild gelöst, dass sie nicht nur mehr »Farbräume« in den Bildern entstehen lässt, sondern sich so sehr verselbständigt, dass sie nur noch als ein Ausstrahlen wahrgenommen wird. An die Stelle des Raumes, der sich visuell manchmal in den Bildern einfindet, tritt der reale Raum, in dem die Bilder – oder besser nun: die Farbe – wie auch der Betrachter anwesend ist, in den Farbe nun ausstrahlt, den sie in ihr Farblicht taucht.

Hermann Wagner überlagert bis zu 10 Farbschichten in seinen Arbeiten. So kann man auch etwa in der Modulation einer Farbe von hell nach dunkel die Wandlung ihres Farbwertes an der Dichte der Überlagerungen die Materie erahnen. Bei dem Auftrag der Pigmente offenbart Farbe Wesentliches ihres Charakters. In ihr ruhende Kraftreserven werden freigelegt wirksam. Sich ständig verändernde Lichtwellen, gesendet von kleinsten, im Schwebezustand befindlichen Farbpartikeln, treffen unsere Optik, wir werden sinnlich angeregt. Dabei fühlt man, dass die Farbe in Hermann Wagners Bildern eine geistige Kraft sein kann und sich dadurch Sphären »Jenseits der Dinge« auftun können. Gabriele Morgenroth