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Die Frage nach der eigenen Identität

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Blick in den zweiten Stock der Städtischen Galerie mit Tausenden von Polaroid-Fotos unter dem Titel »Impossible Project« von Hartmut Dedert. (Fotos: Giesen)

Eine bemerkenswerte, ausgesprochen ungewöhnliche Doppelausstellung zur Fotografie ist in der Städtischen Galerie Traunstein eröffnet worden. Zwei Künstler, Uli Reiter aus Gstadt am Chiemsee und Dr. Hartmut Dedert aus München, hinterfragen in ihren Ausstellungskonzeptionen die Festlegung auf eine eindeutige Identität des Menschen und auf nur eine, allein gültige Wirklichkeit.


Uli Reiters »Transmortal« ist eine Serie von großformatigen, digital bearbeiteten Fotografien auf Aludibond überschrieben, die der Ausstellung im ersten Stock der Städtischen Galerie den Namen gegeben hat. Ausgangsmaterial des Kunstprojekts sind Zeichnungen von Uli Reiters an Parkinson erkrankter Mutter. Ans Bett gefesselt fertigte sie innerhalb von sieben Jahren bis zu ihrem Tod Hunderte, von immer abstrakter werdenden Zeichnungen an. Der Künstler kombinierte Fotos dieser Zeichnungen mit Porträtfotos seiner Mutter mit Ausschnitten von eigenen Fotos und früheren und neuen künstlerischen Arbeiten.

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In einem vielschichtigen künstlerischen Prozess bearbeitet Uli Reiter das Material mehrfach am Computer. Verschiedene Painttechniken führen zu einer Verfremdung des Ausgangsmaterials bis hin zur Unkenntlichkeit. Fotografie und Malerei scheinen sich zu durchdringen und sind nicht mehr klar zu unterscheiden. Durch diesen künstlerischen Zugriff aber wird das vorher »dokumentarische« Fotomaterial« verwandelt und interpretiert. Fragen wie »Wo fängt das Ich an? Wo hört es auf? Wo verschmilzt eine Person mit einer anderen?« können auftauchen.

Auf den übrigen großen Digitaldrucken von Uli Reiter wie der Serie »Organic« oder »Rückbindung« sind beeindruckende Detailaufnahmen von früheren Öl- oder Acrylbildern des Künstlers zu sehen oder aus seinen wuchtigen Holz- oder Teerplastiken.

Uli Reiter, 1954 im Kreis Göppingen geboren, studierte 1980 bis 1985 freie Malerei an der Kunstakademie in Stuttgart. Er erhielt mehrere Stipendien und Preise, beschäftigte sich intensiv mit der Systemtheorie von Niklas Luhmann, Computeranimationen, Videos und Multimedia, außerdem mit Web- und Printdesign. Heute ist der sehr vielseitige und wandelbare Künstler auch in der Unternehmensberatung und im Coaching engagiert. In jüngeren Jahren arbeitete Uli Reiter aber lange auch als Bauarbeiter und ähnliches, um seinen Lebensunterhalt als freischaffender Künstler zu verdienen. Diese Bodenständigkeit kommt auch in seiner Kunst, vor allem den Plastiken, zum Ausdruck: Beispiele dafür in der Ausstellung sind Uli Reiters fünf Objekttableaus mit dem Titel »Ableger«, außerdem die erst vor wenigen Monaten entstandene Bodeninstallation »Lumpenseelchen«. Sie ist ein Arrangement von Plastiken aus Malervlies, mit Gips oder Zement versetzt, die wie ausgewrungene Putzlappen wirken. Sie sind die Referenz des Künstlers an seine schwäbische Herkunft, in der die Kehrwoche im kindlichen Alltag eine besondere Be-deutung hatte. Assoziieren kann der Betrachter aber auch den kunstvollen Faltenwurf von Gewändern barocker Plastiken, wie Galerieleiterin Judith Bader in ihrer kunsthistorisch fundierten Einführungsrede ausführte.

»Impossible Project«

Ein besonderes, bis zum Lebensende des Künstlers angelegtes »work in progress«, zeigt der Konzeptkünstler Hartmut Dedert im zweiten Stock der Städtischen Galerie. Seit dem 9. Juli 1992 fotografiert sich Hartmut Dedert jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen mit einer Sofortbildkamera mit immer dem gleichen unbewegten Gesichtsausdruck, fast immer vor einer gekachelten Wand. Dass es ein nicht endendes Ausstellungsprojekt ist, spie-gelt sich im Aufbau der Ausstellung wider, die laufend fortgeführt wird. Bei der Eröffnung der Ausstellung waren 5475 Fotos, chronologisch mit Datum versehen, bereits installiert (1992 bis 2007). Der Rest ist in Archivkisten verpackt im Raum gestapelt.

Wenn der Betrachter die horizontal in Reihen angeordneten Fotos entlanggeht, fallen ihm nur minimale Unterschiede auf, betrachtet er die Fotos jedoch vertikal von oben nach unten, wird der Alterungsprozess deutlich. Über den abgebildeten Menschen ist kaum etwas zu erfahren, er bleibt unbewegt neutral. Durch die Aufreihung der Fotos im Raum wird die Zeit, die ja eigentlich nicht bildlich darstellbar ist, sinnlich erfahrbar. Der aufmerksame Betrachter kommt seiner eigenen Biografie näher. Man erkennt sich wieder im Prozess des Alterns, sieht die über Jahre sich hinziehenden festen Jahrtage wie Geburtstage oder Weihnachten und bedeutende politische Ereignisse wie den 11. September 2011. Durch das sichtbare Vergehen der Zeit rücken auch Gedanken an die eigene Vergänglichkeit näher.

In der jeden Tag weiter geführten Installation gibt es auch einige abweichende Einschnitte in der Abfolge. Mängel des Materials oder Fehler bei der automatischen Entwicklung des Sofortbildes, führen dazu, dass der Dargestellte unscharf, farblich verändert oder gar nicht mehr zu erkennen ist. Diese Begleiterscheinungen passen gut in Hartmut Dederts Konzept, da er sich grundsätzlich mit der Identität und der Verortung der Realität auseinandersetzt. Dazu gehören auch seine vielen, gerne benutzten Pseudonyme und seine teilweise fiktive Biografie.

Eine Ausnahme bei der Präsentation bildet das Jahr 2006, als sich Hartmut Dedert einem Romanprojekt widmete, das seine Perspektive gleichsam umkehrte. In dem Jahr richtete er die Kamera jeweils aus einem Fenster der Münchner Wohnung, sodass die umgebenden Häuser oder ein Hinterhof zu sehen sind.

Bei der Vernissage überraschte der Künstler sein Publikum mit einer spontanen performativen Einlage: er markierte die Reihen der Polaroids von 2006 durchgehend mit roter Farbe. Die Bezeichnung »impossible project« geht zwar auf den Firmennamen eines Start-up-Unternehmens zurück, das 2010 die Produktion des Sofortbildes neu belebte. Im Kontext der Ausstellung bedeutet der Name jedoch viel mehr – dass eindeutige Antworten hier nicht gegeben werden und die Darstellbarkeit der Wirklichkeit angezweifelt wird. Bei der Vernissage sagte Oberbürgermeister Christian Kegel, dass die Stadt sich durch die Anwesenheit zweier so bedeutender Künstler geehrt fühle und dankbar sei, dass sie den Zugang zu ihren Werken ermöglichen. Er hoffte, dass nicht nur viele Besucher die Möglichkeit nutzen, um sich von der Tiefe und Qualität der Arbeiten zu überzeugen, sondern auch davon mitgerissen und inspiriert werden.

Die Ausstellung »Transmortal« mit Werken von Uli Reiter und »Impossible Project« von Hartmut Dedert ist bis Sonntag, 30. Oktober, mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Ein Ausstellungsrundgang mit Galerieleiterin Judith Bader ist am Dienstag, 11. Oktober, um 10 Uhr sowie mit den beiden Künstlern am Sonntag, 30. Oktober, um 16 Uhr. Am Freitag, 21. Oktober, um 19 Uhr liest Hartmut Dedert aus seinem Roman »Qwertz«. Christiane Giesen