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Hubert Heil blickt auf die Geschichte der Bergwacht am Jenner zurück

Die Geschichte der Bergwacht: 2325 Einsätze seit 1953

Mit dem Abriss und Neubau der Jennerbahn geht in Schönau am Königssee aktuell eine Ära zu Ende, die immer auch sehr eng mit der Bergwacht Berchtesgaden verbunden war. Hubert Heil blickt auf die letzten sechs Jahrzehnte der Bergwacht am Jenner zurück.

Die Bergwacht versorgt auf der Jennerpiste einen verletzten Skifahrer, der vom Notarzt des Hubschraubers übernommen und schließlich zur Klinik geflogen wird. Foto: BRK BGL

Insgesamt 2 325 dokumentierte Einsätze haben die ehrenamtlichen Bergretter seit 1953 am Jenner absolviert. Allein in der aktuellen Wintersaison zwischen 1. Dezember 2016 und 11. März 2017 waren die Einsatzkräfte 44 Mal gefordert, wobei von einfacheren Verletzungen über schwere Stürze bis hin zu lebensbedrohlichen internistischen Erkrankungen alles geboten war. Im Schnitt fand in über sechs Jahrzehnten rund ein Drittel aller Einsätze der Bergwacht Berchtesgaden auf dem Jenner statt, was auch die starke touristische Nutzung des Bergs widerspiegelt.

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Bergwacht-Urgestein Hubert Heil ist seit 1959 Bergwachtmann und seit 1966 Polizeibergführer und international vor allem durch sein Engagement in der ICAR (International Commission for Alpine Rescue) bekannt. Er hat seit der Inbetriebnahme im Dezember 1953 die Einsätze dokumentiert und protokolliert.

»Für die Berchtesgadener Bergbahn AG ist die Bergwacht ein äußerst wichtiger Partner, um die Sicherheit im Ski- und Wandergebiet rund um den Jennergipfel sicher zu stellen. Für uns als Seilbahnbetreiber sind die Damen und Herren der Bergwacht daher eine unverzichtbare Institution, die über viele Jahrzehnte die Jennerbahn bis zum 5. März 2017 begleitet hat. Wir freuen uns alle auf die neue Seilbahnen am Jenner und blicken gemeinsam mit der Bergwacht in eine neue Zet am Jenner«, lobt der Vorstand der Berchtesgadener Bergbahn AG, Michael Emberger.

In der Anfangszeit machen bis zu sechs Bergwachten Dienst

Zu Beginn leisteten die Bergwachtmänner nur an Samstagen und an Sonn- und Feiertagen ehrenamtlichen Bereitschaftsdienst im Skigebiet, um bei Unfällen möglichst rasch helfen zu können, wobei zum Aufenthalt nur eine kleine finstere Kammer im Obergeschoss zur Verfügung stand. Um das Mega-Projekt Pistendienst am Jenner ehrenamtlich stemmen zu können, wechselten sich bis zu sechs verschiedene Bereitschaften aus der gesamten Region Chiemgau am Wochenende mit der örtlich zuständigen Bergwacht Berchtesgaden ab, was sich aufgrund der häufigen Personalwechsel letztlich nicht bewährte. Ab 1971 wurde der Rettungsdienst im Winter nur noch von der Bergwacht Berchtesgaden durchgeführt. »Von diesem Zeitpunkt an lief der Rettungs- und Bereitschaftsdienst geordnet und zuverlässig«, erinnert sich Heil.

Kein Halt in den Sandalen

Allein in den ersten 25 Jahren versorgte die Bergwacht Berchtesgaden 547 Verletzte und Kranke am Jenner und transportierte sie zum Arzt oder ins Krankenhaus. Bis zu 20 Prozent davon im Sommer, vor allem einfachere Wegunfälle, Kreislaufschwächen und andere internistische Erkrankungen. Weitere rund 120 Einsätze führten externe Bergwachten, die amerikanische Ski-Patrol und in den ersten Jahren auch die Mitarbeiter der Bahn selbst durch. Im Schnitt waren das insgesamt 27 Einsätze pro Jahr – ein Bruchteil von dem, was die Bergwacht heute aufgrund der großen Besucherzahl am Jenner leisten muss.

Skiunfälle in den ersten Jahren rückläufig

Interessant dabei ist, dass die Skiunfälle trotz der steigenden Zahl an Skifahrern in den ersten Jahren rückläufig waren, was an kürzeren Skiern, besseren Sicherheitsbindungen, besserer Ausrüstung und Ausbildung und vor allem der immer besseren Pistenpflege lag. Aktuell werden die Unfälle aufgrund der ausrüstungsbedingt hohen Geschwindigkeiten und mangelnder Praxis wegen der wenigen Schnee-Tage wieder mehr. Hubert Heil erinnert sich an besondere, teils kuriose Einsätze in den ersten Jahren der Bahn, beispielsweise an den ersten Lawinenunfall am 20. März 1954, als ein Skifahrer bei einem Sturz seine Skier verlor und beim Wiederanziehen im Mitterkaser-Querweg von den Schneemassen erfasst und rund 80 Meter mitgerissen wurde. Die Bergwacht konnte ihn verletzt retten und abtransportieren.

Am 6. Februar 1966 war ein schwarzer Tag in der Geschichte der Jennerbahn, da die Piste durch außergewöhnliche Witterungseinflüsse mit Regen und plötzlichem Temperaturabfall vereiste und mehrere Skifahrer mehr als 300 Meter über die damals noch sehr buckelige Piste abrutschten und immer wieder aufschlugen, darunter auch ein Retter der Bergwacht mit dem Akja. Zwei Menschen starben, drei mussten mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Der außergewöhnliche Zwischenfall war Auslöser für die heute nicht mehr wegzudenkende Verkehrssicherungspflicht auf Skipisten in Deutschland.

Über den sehr langen Dokumentationszeitraum von über sechs Jahrzehnten sind nur sehr wenige wirklich größere Schadensereignisse wie Lawinenabgänge am Jenner passiert. Lawinenstriche am Rand und außerhalb des Pistenbereichs werden heute von der ehrenamtlichen Lawinenkommission beurteilt und mit permanenten Sprengvorrichtungen durch die Jennerbahn kontrolliert ausgelöst.

Foto: BRK BGL


Am 30. April 1973 kam es zu einer Selbstauslösung einer Feuchtschneelawine im Großen Spinnergraben. Heute werden diese Bereiche durch Schneefeldsprengungen gesichert.

Am 30. April 1973 löste sich an der Nordseite im oberen Teil des Großen Spinnergrabens eine Nass-Schneebrettlawine, knickte die Stütze 40 um und glitt 1,2 Kilometer weit bis zum Pletzgraben ab. Da niemand wusste, ob Skifahrer verschüttet wurden, suchten die Bergwacht und die Lawinenhundestaffel bis in die Nacht die Lawinenbahn ab, wobei letztlich Entwarnung gegeben werden konnte. Rund 80 Menschen mussten wegen der defekten Stütze in der Bergstation übernachten; sie wurden am nächsten Morgen von der Bergwacht und der Bundeswehr per Hubschrauber ins Tal geflogen, darunter eine hochschwangere Frau, die sich auf ihren ersten Flug freute; ihr Ehemann musste vom Bergwacht-Arzt per Medikament beruhigt werden.

In den Jahren 1955, 1966 und 1973 wurden Einsatzkräfte der Bergwacht beim Dienst am Jenner so schwer verletzt, dass sie länger im Krankenhaus behandelt werden mussten. Am 7. Juli 1977 fand die erste große gemeinsame Evakuierungsübung der Bahn mit Feuerwehr, Bergwacht und Mitarbeitern statt, die in den Folgejahren immer wieder wiederholt wurde, um für den schlimmsten Fall gut vorbereitet zu sein.

Foto: BRK BGL


Vorsorglich übt die Bergwacht mit den Bediensteten der Jennerbahn und einem Hubschrauberder Polizeihubschrauberstaffel Bayern das Evakuieren von Fahrgästen aus einer blockierten Gondel oder Liftgehänge.

Am 22. Februar 1993 ereignete sich ein Lawinenunfall abseits der gesicherten Pisten am Vogelstein im Bereich der Lifttrasse der Jennerwiesenbahn. Die kleine Schneebrett-Lawine wurde von zwei einheimischen jungen Pistenskifahrern ausgelöst. Einer konnte von der Bergwacht nur noch tot geortet und geborgen werden, der Zweite wurde mit schweren Verletzungen gerettet. Markus Leitner, Fotos: BRK BGL