weather-image
13°

Die große Show über Otto-Normal-Faust

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Christoph Wiescheke als Otto-Normal-Faust und Sascha Oskar Weis als überaus präsenter Mephisto bei der Aufführung von »Faust II« in der Salzburger Felsenreitschule.

»Faust I« hat Max Reinhardt bei den Salzburger Festspielen in der Felsenreitschule umgesetzt. Bevor der Tragödie zweiter Teil dort Wirklichkeit werden konnte, kamen die Nazis an die Macht, Reinhardt musste ins Exil gehen. Die Blindstelle wurde nun gefüllt: Carl Philip von Maldeghem hat »Faust I« zum Auftakt seiner Salzburger Intendanz inszeniert und kürzlich wieder aufgenommen – und nun also setzt er »Faust II« in der Felsenreitschule um.


Bildwirksam ist das erdacht. Eine Gruppe von Jugendlichen bildet einen Bewegungs- und Sprechchor, ist party-glamouröse Gesellschaft am Hof des Kaisers, bildet die Gefolgschaft der Helena und schlüpft in den Antiken-Szenen auch hinter Masken, ist eine mit Schlagstöcken bewehrte Heerschar und so weiter und so fort: Die Leute stürmen mit juvenilem Ungestüm herein, verteilen sich bei Bedarf in den effektvoll beleuchteten Arkaden. Das Auge ist immer beschäftigt, und diesem »Faust II« sieht man eigentlich überhaupt nicht an, dass es durchaus eine hohe Kunst ist, in den Weiten der Felsenreitschule nicht unterzugehen. Carl Philip von Maldeghem sind starke Bilder eingefallen, auch wenn gar nicht viel Bühnenbild (Christian Floeren) da ist. Klug und temporeich sind die Szenen arrangiert. Drei Stunden dauert die Aufführung.

Anzeige

Wieviel vom Text ist stehen geblieben? Zwei Drittel, schätzt der Regisseur selbst – und das ist viel, denn alles umzusetzen, hat sich in den letzten Jahrzehnten ohnedies nur Peter Stein getraut. Es ist sogar noch ein kleines Stück aus dem Goethes Prometheus-Fragment dazu gekommen. Man ist schließlich im Ur-Grund aller Tatmenschen unterwegs. Den nimmt man dem Faust dieser Aufführung, Christoph Wiescheke, nicht ganz ab. Irgendwie ein Otto-Normal-Faust. Der sympathische Mann wirkt wie der gute Nachbar, der einem schon mal hilft beim Rasenmähen im Garten. Eigentlich sieht er nicht aus wie einer, der erst das Papiergeld erfindet (das Wirtschaftsmodell für oft ungedeckte, staatliche Schecks), dann mit Helena die schönste Frau der antiken Welt ehelicht, zuletzt auf Kolonialismus und Deichbau setzt und in dem für die Gesellschaft vermeintlich segensbringenden Wirtschaftswachstum den Augenblick findet, zu dem er sagt: »Verweile doch, du bist so schön.«

Aber wahrscheinlich soll man gerade die netten Nachbarn nicht unterschätzen, wenn sie der Teufel reitet. Der ist in Gestalt des Sascha Oskar Weis allgegenwärtig, ein Schauspieler mit beeindruckender Bühnenpräsenz auch im großen Raum. Dieser Mephisto bringt viele Zwischentöne über die Rampe, die sonst diese Aufführung nicht gerade auszeichnen: Es herrscht – trotz Mikrophon-Unterstützung – im Allgemeinen mehr oder weniger gut verständliches, ziemlich trockenes Deklamieren. Ein Tonfall, der nicht wirklich dazu angetan ist, die zeitlose Brisanz des Stoffs tatsächlich rüber ins Heute zu bringen. Ein wenig drängt sich der Eindruck auf, dass Sascha Oskar Weis eigentlich der einzige souveräne Schauspieler in der Runde ist, der für die Dimensionen hier wirklich taugt.

Das mag dem Regisseur Carl Philip von Maldeghem von vornherein bewusst gewesen sein, also setzte er auf Tempo und eben auf eine bildkräftige Konzeption. Dass manche im Ensemble schöne Zusatzqualifikationen mitbringen, konnte der Regisseur effektvoll einbauen. Da setzt Gero Nievelstein als Lykeus zu einem Schlagzeugsolo an. Shantia Ullmann ist zuerst ein Homunculus in einer rollenden Plastikblase. Nachdem sie sich daraus befreit, liefert sie eine beeindruckende Artistik-Nummer im Rad. Auch Tim Oberließen als Euphorion ist circensisch in den Lüften herausgefordert. Viele kleine »Aufheller« insgesamt, die über nicht so wirklich überzeugende schauspielerische Einzelleistungen hinwegtrösten.

In der Defizit-Rubrik stünde Beatrix Doderer obenauf, die als Helena das »Dumme Blondine«-Klischee nervtötend ausreizt. Auf der Haben-Seite zu führen ist hingegen der auch sprechtechnisch versierte Walter Sachers von Philippovich. Gero Nievelstein schaut als Wagner vorbei (den vermeintlichen Neo-Weltdurchschauer lässt Mephisto fein abblitzen). In der bunten Szenenfolge findet sich manch Reizvolles. Diana Marie Müller, Claudia Carus, Marco Dott, Axel Meinhardt, Shantia Ullmann geben vom Hofstaat bis zu den allegorischen Figuren (Not, Schuld, Sorge, Mangel) oder den Engeln anschauliche Figuren ab – außer Faust und Mephisto schlüpfen alle in mehrere Rollen.

Insgesamt gilt: Dieser »Faust II« ist mehr Bilder-Revue als Erzählung. Man bediente sich der Textvorlage als Steinbruch für effektvolle Szenerien. Dabei ist die Entwicklung des Faust selbst, die Charakterzeichnung ein wenig aus dem Blick geraten. Fast wundert man sich, wenn sich Faust am Ende zum Ingenieur einer neuen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Welt aufschwingt – und irgendwie hängt deshalb gerade sein großer Monolog verdächtig in der Luft. Damit freilich auch jener des Mephisto. Es wird nochmal heftigst deklamiert, fast altmodisch. Der Zitate bekommt man genug mit.

Aufführungen finden bis 16. November in der Felsenreitschule statt. – Am 26.10., 9.11. und 16.11. werden Faust I (im Landestheater) und Faust II hintereinander gegeben. Karten gibt es unter www.salzburger-landestheater.at. Reinhard Kriechbaum