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Die herzallerliebste Kathy tanzt Tango im Morgenrot

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Herbert Pixner (an der Ziach) und seine musikalischen Mitstreiter sind (Grat)Wanderer zwischen den (Volks)Musikwelten. Die Besucher der vier Konzerte in der Traunsteiner Kulturfabrik waren wieder einmal restlos begeistert. (Foto: Ortner)

Vier Konzerte in drei Tagen in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS, seit vielen Wochen restlos ausverkauft und sehnsüchtig erwartet. Einen besseren Tourauftakt hätte sich das »Herbert Pixner Projekt« für die Welturaufführung des neuen Albums »Quattro« wohl nicht wünschen können. Landler, Walzer, Jazz, Blues, Tango, Boogie und vieles mehr – Herbert Pixner ist ein (Grat)Wanderer zwischen den (Volks)Musikwelten, ein »Verbinder« der zusammenbringt, was scheinbar nicht zusammenpasst, und sich in seinen Fingern dennoch auf betörende Weise zueinander fügt.


Volksmusik ist die Musik des Volkes. Sie hat unzählige Gesichter, verbindet und bewahrt die Wurzeln ihrer Kultur und ist dennoch neugierig und offen für anderes; sei es nun ein klassischer Tango, ein Blues oder die Ziachorgel-Stücke des »Stierschneider Hans« aus dem Passeier Tal, mit denen Herbert Pixner aufgewachsen ist, und die er auch heute noch mit soviel Hingabe und Können spielt. Aber ein Tellerrand ist für den Südtiroler lediglich dazu da, weit darüber hinaus zu schauen und auszukundschaften, was seine Leidenschaft und die seiner Mitspieler alles zutage fördern an kreativen Ideen und Arbeit. Und einer Sache dürfen die Projektmusikanten stets sicher sein: der Neugier, Toleranz und Aufgeschlossenheit ihrer fachkundigen Fangemeinde, die die Musik mit Freuden auf- und mitnimmt.

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War das »Herbert Pixner Projekt« noch vor wenigen Jahren ein Trio, das mit Ziach, Kontrabass und Harfe zwar schon breite Verbindungsnähte in die moderne Volksmusiklandschaft wob, ist durch das Hinzukommen von Ausnahmegitarrist Manuel Randi die Landkarte noch um ein Vielfaches größer und bunter, fast schon progressiv, geworden. »Let’s dance Baby«, ein »Tiroler Boogie« wie Pixner verschmitzt grinsend erklärt, wird kurzerhand mit einem Schuss »Tequila« von The Champs abgeschmeckt, ein Landler wird mit einer »leicht schmutzig klingenden« Gipsy-Gitarre als Zitherersatz aufgepeppt, und ein brillantes »afrikanisches Stück« aus der Feder von Manuel Randi erschallt aus dem Klangkörper einer Flamenco-Gitarre.

Herbert Pixner selbst, grundausgerüstet mit drei »Ziachorgeln«, Saxofon, Klarinette, Flügelhorn und Trompete, lebt für die Musik, spielt und experimentiert mit Leidenschaft und Hingabe, ebenso wie Manuel Randi. Die beiden ergänzen sich prächtigst und treiben sich gegenseitig zu Höchstleistungen an. Fingerakrobatik an sechs und zwölf Saiten hier, Fingerakrobatik an unzähligen Knöpfen und Tasten da, schwindelerregend schnell und doch voller Gefühl für jeden einzelnen Moment und Ton. Das wird nicht nur sicht- und hörbar bei so wundervollen, neuen Stücken wie dem Titelsong »Quattro«, oder dem »Herzallerliebst Walzer«, der all ihren Lieben gewidmet ist, die zuhause auf sie warten, und dem kraftvolle-melancholischen »Kick Ass Blues« mit Slide-Gitarre. Ganz besonders offenbar wird das bei ihren Meisterwerken »Morgenrot« und »Dirty Kathy«. Meditativ-verträumt beschreiben Gipsy-Gitarre, Klarinette und Ebenholz-Akkordeon, im sanften Klangbett von Heidi Pixners Harfe und Werner Unterlerchers Kontrabass schwebend, einen märchenhaften Sonnenaufgang von majestätischer Schönheit, hoch droben auf dem Berg, in völliger Ruhe und Einsamkeit, mit sich selbst im Reinen, wie man es mit Worten niemals tun könnte.

Den beschwingten Gegenpart bildet die »Dirty Kathy«, in Pixners Beschreibung eine Mischung aus Michael Jacksons »Dirty Diana« und dem Zwiefachen der »Oiden Kath«, traditionellem Volksmusikliedgut also. Der Clou an der Sache: ein David Gilmour-würdiges Gitarrensolo der »Kath-Grundmelodie« auf Randis weißer Fender und ein rasantes Echospielchen mit Pixners diatonischer Harmonika. Es ist nahezu unglaublich, wie sehr sich alleine die »Kathy« in all ihren ausladenden Improvisationen in diesen drei Abenden im NUTS verändert hat.

Aber auch Errol Gardners Jazz-Ballade »Misty« verändert ihr Gesicht von Konzert zu Konzert, mal mit Saxofon und Flügelhorn, dann wieder mit Klarinette, die Tiroler Volksharfe als »Klavierersatz«. Faszination pur auch die soundtrackartig angelegte Geschichte vom »Hiatabua«, ein hinterkünftiger Alpenthriller, der anfangs so harmlos daherkommt, als Gutenachtgeschichte aber ganz sicher nicht geeignet ist. Drei Hirten tun auf einer entlegenen Alm Dienst, konsumieren in der Einsamkeit viel zuviel Absinth und bauen sich im Rausch aus Besen, Lappen und Stroh eine Puppe, die eines Nachts zum Leben erwacht.

Wie wohltuend hell und erfrischend ist da doch dann wieder Heidi Pixners »Alba«, die flinken perlenden Tautropfen der Morgendämmerung auf den Saiten ihrer Tiroler Volksharfe, oder die rasante Ausfahrt in einem Triumph Spitfire Baujahr 1975, begleitet von den »Fehlzündungen« Werner Unterlerchers Kontrabass. Jedes der vier Konzerte hatte seine ganz eigene Charakteristik und seinen eigenen Charme, die vier Ausnahmemusiker schenkten sich und dem Publikum nichts und doch alles. Ein Jeder nahm für sich andere, persönliche Eindrücke mit nach Hause, und das Wissen um die Kraft und die Freude, die das »Herbert Pixner Projekt« mit seiner wunderbaren Musik zu geben vermag. Maria Ortner