»Die Impfbereitschaft ist deutlich gestiegen«

Bildtext einblenden
Dr. Reinhard Reichelt berichtet im »Anzeiger«- Interview unter anderem von den Spätfolgen, mit denen Corona-Patienten zu tun haben. (Foto: privat)

Schönau am Königssee – Dr. Reinhard Reichelt hat einen Rat für alle: »Die Leute sollen sich gegen Grippe impfen lassen.« Wer das will, muss allerdings schnell sein, denn Oberbayern verfügt nur noch über eine überschaubare Zahl an Impfdosen. Denn in diesem Jahr ist die Zahl der Patienten, die geimpft werden wollen, deutlich höher als sonst, berichtet der Schönauer Arzt. Auch über seine Erfahrungen mit Patienten, die an Corona erkrankt sind, sowie über seine Meinung zu Krankschreibungen per Telefon spricht der Leiter des Ärztlichen Kreisverbands Berchtesgadener Land im Interview mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«. Dr. Reichelt sitzt auch im Krisenstab des Landkreises Berchtesgadener Land, der derzeit täglich Online-Konferenzen abhält.


Herr Dr. Reichelt, wie verläuft die bisherige Erkältungssaison (nicht Grippe) im Landkreis Berchtesgadener Land?

Anzeige

Dr. Reinhard Reichelt: Wir haben derzeit viele Patienten mit normaler Erkältung oder Anginen. Jedoch ist es nicht leicht zu differenzieren: Hat der Patient nun eine Erkältung oder ist es eine Corona-Infektion? Daher müssen wir diese Personen testen, um unterscheiden zu können. Ich sitze ja auch im Krisenstab des Landkreises und begrüße das Vorhaben von Ministerpräsident Markus Söder, einen Katastrophenfall auszurufen. Ich fände dies gut, da somit eine bessere Zusammenarbeit und mehr Handlungsfreiheit ermöglicht werden.

Welchen Test verwenden Sie in Ihrer Praxis in Schönau am Königssee?

Dr. Reichelt: In der Abstrichstraße ist nur der sogenannte PCR-Abstrichtest zugelassen. Damit kann das Virus in einer aufwendigen Laboruntersuchung extrahiert und somit nachgewiesen werden. Es ist der valideste Test, den es derzeit gibt. Die Corona-Schnelltests werden auch eingesetzt, sind aber von den Behörden für die »offizielle« Testung noch nicht zugelassen.

Wenn Sie nun die Zahlen der Grippekranken betrachten: Wie viele sind es? Und bemerken Sie einen Unterschied zum Vorjahr?

Dr. Reichelt: Momentan haben wir noch keine nachgewiesenen Grippefälle im Landkreis. Das ist aber nicht ungewöhnlich. Die Grippesaison beginnt meist so im Dezember, kann aber weit bis ins Frühjahr dauern. Bis März, April, hatten wir nachweislich Influenzafälle, damals noch parallel zu Covid. Jetzt in der neuen Saison ist die Zahl an Erkrankten möglicherweise durch die Maskenpflicht geringer, da eine Maske vor Tröpfcheninfektionen schützt. In der Saison 2017/2018 hatten wir eine erhebliche Grippewelle, damals gab es im Winterhalbjahr rund 25 000 Grippetote in Deutschland.

Gibt es mehr oder weniger Patienten, die sich gegen Grippe impfen lassen?

Dr. Reichelt: Auf jeden Fall sind es mehr, da immer wieder aufgefordert wird, sich gegen die Grippe impfen zu lassen, was auch sehr sinnvoll ist. Für Risikopatienten steht auch eine Impfung gegen die Lungenentzündung zur Verfügung. Der Grippeimpfstoff ist leider schon knapp geworden, was ich im Krisenstab an die Staatsministerin weitergegeben habe. Bei einer Konferenz mit den Koordinierungs-Ärzten im oberbayerischen Raum gaben viele von ihnen an, jetzt schon keinen Impfstoff mehr zu haben.

Wie ist die Lage in Ihrer Praxis?

Dr. Reichelt: Arztpraxen müssen den Impfstoff ja rechtzeitig bestellen. Wir haben uns aufgrund der zu erwartenden Lage schon doppelt so viel Impfstoff wie noch im vergangenen Jahr reserviert.

Ein Argument von Corona-Kritikern lautet: »Corona ist gar nicht so schlimm. An der Grippe sterben viel mehr Menschen.« Ist das wahr, wenn man die Relationen betrachtet?

Dr. Reichelt: Es ist schwierig, die Zahlen miteinander zu vergleichen, weil wir Corona erst seit knapp einem Jahr kennen. Allerdings steckt ein Corona-Infizierter statistisch gesehen zwei bis vier andere Menschen an, bei Influenza ist es »nur« einer. Damit besteht die Gefahr einer exponentiellen Ausbreitung. Gegen Influenza haben wir eine Impfung und auch wirksame Medikamente, sogenannte Virenhemmer, die aber rechtzeitig eingesetzt werden müssen. Das gibt es für Corona noch nicht. Es handelt sich keineswegs um eine harmlose Erkrankung. Man muss sich nur die dramatische Lage in anderen Ländern wie Italien oder den USA anschauen. Auch wir behandeln Patienten in der Praxis, die die Krankheit im März hatten und jetzt immer noch körperliche Einschränkungen und eine verminderte Leistungsfähigkeit haben. Das betrifft auch jüngere Patienten. Besonders in der Akutphase der Coronaerkrankung kommt es zu Störungen des Geschmackssinnes, die jedoch auch länger anhalten können.

Seit dem 19. Oktober dürfen Ärzte Patienten mit leichten Erkrankungen der oberen Atemwege wieder nach telefonischer Rücksprache bis zu sieben Tage lang krankschreiben. Was halten Sie als Leiter des Ärztlichen Kreisverbands BGL von einer Krankschreibung per Telefon?

Dr. Reichelt: Ich begrüße das, da dann weniger Infektpatienten in die Praxen kommen. Unsere Praxen sind aber sicher, die Hygienekonzepte greifen.

Welche positiven Aspekte können Sie – aus persönlicher und aus beruflicher Sicht – diesem Ausnahmejahr abgewinnen?

Dr. Reichelt: Ich finde es gut, wenn man wieder mehr zusammenrückt und der Egoismus in der Gesellschaft wieder zurückgeht. Man gibt acht, man passt aufeinander auf. Was ich noch als positiv empfinde, ist der Rückgang von Geschäftsreisen. Man muss nicht immer von A nach B fahren. Ich selbst hatte viele Online-Konferenzen und musste dafür zum Beispiel nicht extra nach München fahren. Ein Beispiel sind auch unsere täglichen Online-Konferenzen im Krisenstab des Landkreises Berchtesgadener Land. Sonst müsste ich dafür immer nach Bad Reichenhall.

Was wünschen Sie sich als Mediziner für die nahe Zukunft?

Dr. Reichelt: Die Politiker sollten das Spardiktat der Krankenkassen überdenken. Medikamente sollen demnach möglichst billig sein und werden daher aus Fernost bezogen. Die Lieferketten sind lang und es kommt häufig zu Engpässen. Wir müssen wieder in Europa produzieren. Zudem kritisiere ich die Aussage der Bertelsmann-Stiftung, in Deutschland gebe es zu viele Krankenhäuser. Sie forderte noch letztes Jahr, 800 der etwa 1 400 Kliniken zu schließen. Die Kreisklinik in Berchtesgaden zum Beispiel ist gerade zu Corona-Zeiten enorm wichtig. Man darf nicht alles kaputtsparen. Die Politik muss sich jetzt fragen: Wollen wir unser gutes Gesundheitssystem erhalten oder nicht? Gerade Corona zeigt uns, wie wichtig auch kleine Krankenhäuser sind.

Annabelle Gabriel

Einstellungen