weather-image

»Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt«

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Fotografie aus »Überlagerungen«, ca. 1992 entstanden. (Repro: Giesen)

So sperrig wie ihr Titel »Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt« sind auch die Fotoarbeiten und Buchobjekte der neuen Ausstellung in der Städtische Galerie Traunstein. Erst bei längerer Betrachtung mögen sich die vielfältigen Arbeiten des Fotografen Michael Jochum erschließen, die sich so ganz von den üblichen, überall präsenten Fotos unterscheiden.


Den Titel der Ausstellung hat der Fotograf dem vielfach ausgezeichneten Autor Peter Handke entlehnt – bekannt geworden durch seine »Publikumsbeschimpfung« oder »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter« – der 1969 in mehreren Texten sein tiefes Misstrauen formulierte, was die Authentizität von Sprache und Grammatik betrifft.

Anzeige

Geprägt von diesem Misstrauen ist auch Michael Jochum: Er aber stellt die Authentizität der gängigen Abbildung der Wirklichkeit infrage. Jochum arbeitet gewissermaßen der medialen Bilderflut entgegen, die den Menschen von heute, ob er will oder nicht, überflutet. Aus der überall existierenden Norm der Bild-Klischees und Bild-Schablonen versucht er auszubrechen und neue visuelle Codes zu finden. In allen seinen intensiven Foto-arbeiten, die wahrscheinlich keinen Betrachter unberührt werden lassen, geht es Michael Jochum letztlich um Wahrheitsfindung, Dinge, Menschen nicht nur von außen abzulichten, sondern tiefer einzudringen.

Alle Fotografien Jochums sind schwarz/weiß. Er entwickelt sie im Labor auf dem vor langer Zeit gebräuchlichen guten Fotopapier. Zwischen dem Zeitpunkt der Aufnahme, ihrer Entwicklung und der ersten Sichtung durch den Künstler liegen bei ihm oft mehr als ein Jahr. Die Bearbeitung der Fotografien und das Zusammenstellen zu Serien nehmen nochmal meist mehrere Jahre in Anspruch. Jochum möchte damit den größtmöglichen Abstand zum Motiv gewinnen, Distanz zu Ort und Zeitpunkt der Auf-nahme, aber auch zu seiner eigenen damaligen psychischen Gestimmtheit. Das scheinbar Vertraute – ein Raum, Alltagsgegenstände, aber auch Freunde, sogar er selbst werden dann durch die große Distanz unvertraut, fremd manchmal unheimlich gesehen. Das scheinbar Vertrauteste, nämlich die sichtbare Wirklichkeit, erscheint nun als ungesicherte, brüchige Außenwelt. Innenwelt und Außenwelt durchdringen sich und bedingen sich gegenseitig. Eine eindeutige Erklärung und Zuordnung ver-hindern nicht nur die Bilder selbst, sondern auch die Präsentation der Arbeiten: sie reicht von der klassischen Rahmung mit Passepartout über das scheinbar behelfsmäßige Anheften mit Dekonadeln bis hin mit Abstand vor der Wand gleichsam schwebenden Fixierungen mit kleinen Magneten.

In der Serie »Selbst« und das Projekt »Selbstporträt« ist Jochum Fotograf und Abgelichteter zugleich. Die Aufnahmen zeigen Körper- und Gesichtsteile aus ungewöhnlichen Perspektiven, aus extremer Nähe und in ungewöhnlichen Ausschnitten. Es ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Erscheinungsbild, die dazu dient, den autonomen Gehalt von Bildern zu erkunden. Das Bild »je est un autre« (nicht »je suis«!, also »ich ist ein anderer«) besteht aus etwa 40, mit Heftklammern zusammengesetzten, gleichgroßen Laserdrucken. Es stellt – wie die anderen Fotografien – die Existenz einer eindeutigen Identität des Menschen infrage und ebenso die Möglichkeit seiner bildlichen Darstellung generell. Das Gestern, Heute und Morgen verschwimmen ineinander, die Grenzen von Objektivität und Subjektivität sind aufgehoben. Oftmals weiß der Betrachter nicht, ob das Bild nun einen menschlichen Körperteil, eine Landschaft, eine Blume oder die Detailansicht eines Gegenstands darstellt.

Michael Jochum, 1953 in Wien geboren, lebt und arbeitet in München. Er erhielt zahlreiche Preise und Förderungen und bestritt Einzel- und Gruppenausstellungen unter anderem in Berlin, München, Burghausen und im Ausland. Seine Fotografien erscheinen in erlesenen Editionen und Kunstbüchern. Nach einem Lehrauftrag 2007 an der Ostkreuzschule Berlin wurde er 2009 an die Deutsche Fotografische Akademie (DFA) berufen.

Bei der Vernissage freute sich Oberbürgermeister Christian Kegel, in der Städtischen Galerie eine weitere spannende Ausstellung eröffnen zu können, die die Vielfalt und Vielseitigkeit von Kunst und Kultur widerspiegelt. Kegel würdigte die Leiterin der Städtischen Galerie, Judith Bader, für ihr enormes Engagement bei Auswahl und Umsetzung von Ausstellungen und Veranstaltungen. Anschließend brachte die Einführungsrede von Judith Bader wichtige, erhellende Einsichten in die Präsentation.

Die Ausstellung »Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt« ist bis Sonntag, 18. Oktober, mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Ein Ausstellungsrundgang mit Galerieleiterin Judith Bader ist als »Kunst am Morgen«, am Dienstag, 29. September, um 10 Uhr sowie am Sonntag, 4. Oktober, um 15 Uhr. Führungen von Gruppen sind nach Absprache jederzeit möglich, Telefon 0861/164319. Ein Ausstellungsrundgang und Gespräch mit dem Künstler Michael Jochum über den Prozess seiner Arbeiten und Künstlerbücher findet am letzten Sonntag der Ausstellung, am 18. Oktober, um 15 Uhr statt. Christiane Giesen

Anzeige