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Andreas Giebel wirbelt mit »Das Rauschen in den Bäumen« frischen kabarettistischen Wind ins k1

Die kleinen Glücksmomente des Lebens

Nachdenklich will Kabarettist Andreas Giebel sein Programm im gut besuchten k1-Saal angehen, meint er, nachdem er sein Publikum herzlich begrüßt hat. Langsam leben könnte ja gegen zu frühes Sterben helfen.

Er schlüpft in eine Rolle hinein und fühlt sich wunderbar: Kabarettist Andreas Giebel bei seinem Auftritt in Traunreut. (Foto: Benekam)

Hätten die viel zu jung gestorbenen Superstars wie Mozart, Michael Jackson oder Elvis das beherzigt, würden sie wahrscheinlich heute noch leben. Aber heute! Ist denn heute das Leben noch lebenswert? »Das Rauschen in den Bäumen« ist der Titel von Giebels neuem Programm. Und diese kleinen alltäglichen Glücksmomente des Hörens, Sehens und Spürens unserer Umwelt fokusiert, parodiert und seziert er vor seinem Publikum – oder vielmehr die irrsinnigen Hindernisse unserer schnelllebigen Hochleistungsgesellschaft die sich diesem kleinen aber wahren Glück entgegenstemmen.

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Wer wissen will, wie es dem Gegenüber geht, der solle im Internet oder auf Facebook nachschauen, meint Giebel. Das gehe schneller als das ewige Gesülze einer direkten Konversation und vor allem könne man selbst entscheiden, wann man den Off-Knopf drückt und wieder seine Ruhe hat vor weiteren lästigen Fragen, auf die man womöglich gleich antworten muss. Gemessen am Universum bewegt sich Giebels Figur in einem Mikrokosmos. Aber der hat es in sich. Da gibt es einen Stadtplatz mit Parkbank und Kiosk, um den herum sich das Leben, von dem er erzählt, abspielt. Die Arztpraxis befindet sich gleich neben dem Bestatter. Ein Drogeriemarkt, ein Blumenladen, das Atelier des befreundeten Malers Max, ein Supermarkt und natürlich die Dorfkneipe: Tauschbörse für allerlei Tratsch und Klatsch.

Jeden Ort verknüpft Giebel mit einer Person, die in ihrem Lebensumfeld schaltet, waltet, wütet und ihr unsinniges Dasein in Verrichtung noch unsinnigerer Tätigkeiten fristet. Ein Panoptikum neurotischer Charaktere. Der Kunstmaler ist der Maltechnik des Pointillismus verfallen und in seiner Kunst, auch auf der nackten Haut seiner Modelle, sehr produktiv. Auf der Parkbank residiert »Pennerklaus« und hält, sobald sich jemand neben ihn setzt, eine Melodien-Rateshow ab: Alle Melodien, die er summt, klingen gleich, trotzdem wird von den Ratenden immer ein anderer Hit erkannt. Im Drogeriemarkt erpresst der verwitwete Verkäufer seine Kundschaft mit seiner depressiven Stimmung zum Kauf unsinniger Artikel: »Dass’d a Ruah gibst«. Am Kiosk nervt seit gefühlten Jahrzehnten der Betreiber mit den immer gleichen flachen Witzen, die noch nie einer hören wollte und im Supermarkt lenken einen an jedem Eck massenweise Probier-Stände mit kulinarischen Spezialitäten vom Einkauf ab.

Der Wahnsinn tobt auch beim Wirt, denn da tauchen ja dieselben Freaks auf. Nicht mal in Ruhe Würfelspielen kann man da, weil der Bestatter eine schwache Blase hat und mitten im Spiel aufs Klo verschwindet. Hier leitet Giebel gedanklich elegant zu langen Talkshows, wichtigen politischen Verhandlungen oder die Oscarverleihung über und spinnt den Gedanken weiter, wie da der unterbrechende Toilettengang gelöst würde. Seine Ideen, die im k1 wahre Lachkrämpfe verursachten, reichen da von Windeln bis »Notdurft-Komparsen«, oder, wie es im Bayerischen heißen müsste, »Brunzkomparsen«.

Eigentlich, erklärt Giebel weiter, habe er ja gar keine Zeit für all diese gedanklichen Phantastereien. Schließlich müsse er sich neben seinem Roman, an dem er seit Jahren feilt, auch noch um eine Rede zur Ausstellungseröffnung vom Maler Max kümmern. Tragischerweise wird aber dann, weil der Maler offenbar auch zu schnell lebte und sich im Eifer des Gefechts aus Versehen mit seinem Jagdgewehr erschoss (»ein tragischer aber auch origineller Tod«), aus der Vernissage eine Beerdigung, bei der sich nun alle Irren wieder treffen und der Wahnsinn in einem urkomischen Fiasko gipfelt.

Andreas Giebel schlüpft sprachlich und darstellerisch gewandt in die Rollen der irren Charaktere, von denen er erzählt und lässt den Zuschauern wenig Zeit zum Luftholen. Sicher erkennt sich so mancher selbst im Wahnsinn des Lebensalltags wieder, den Giebel so glaubhaft mimisch und gestisch umsetzt. Wer so detailliert den (un)menschlichen Wahnsinn unserer Zeit erfasst und darstellerisch umsetzt, muss Meister im Beobachten und Könner im Fach Charakterstudie sein. Giebel präsentierte ein gebrauchsfertiges Rezept für erfolgreiches Kabarett, das mit großem Applaus und viel Gelächter belohnt wurde. Mehr davon! Kirsten Benekam