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Die Kommunikation der Bäume wird zum Klang

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Multipercussionist David Panzl in seinem Universum der Percussionklänge – die Instrumente hatte er zum Teil selbst konzipiert. (Foto: Janoschka)

Den Bäumen im Wald zugehört hat der Komponist Enjott Schneider. Diese Erfahrungen und Wirkungen auf sein Empfinden drückt er in seinem Konzert für Percussion und Orchester »Geheimnis der Bäume« aus, indem er für den Schlagwerkpart zum Großteil Holz zum Klingen bringt – was für ein berührendes Konzerterlebnis für die zahlreichen Besucher in Bad Reichenhall. Bäume auf einer auditiven Ebene ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu stellen – das gelang durch die Zusammenarbeit zwischen der Künstlerin und Dozentin an der Kunstakademie, Ingrid Floß, und der Bad Reichenhaller Philharmonie, die in ihrem 4. philharmonischen Konzert mit dem passenden Titel »Natur« das »Geheimnis der Bäume« von Enjott Schneider uraufgeführt hat.


Diese Kooperation soll im kommenden Jahr fortgesetzt werden, wie Generalmusikdirektor Christian Simonis in seiner Begrüßung hinzufügte. Aus gesundheitlichen Gründen konnte der Komponist Enjott Schneider die Werke nicht – wie vorgesehen – selbst dirigieren. Daher leitete Wolfgang Lischke das Konzert, bei dem auch die Ouvertüre zur Oper »Der Freischütz« von Carl Maria von Weber (1786 bis 1826) und die Sinfonie Nr. 6 F-Dur, op. 68, »Pastorale« von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) zu hören waren.

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Lebende Wesen mit Körper, Seele und Geist

Wie Enjott Schneider Bäume wahrnimmt, nämlich als lebende Wesen mit Körper, Seele und Geist, die in ihrem Wurzelwerk miteinander kommunizieren, darüber berichtete er ergänzend zum Einführungsvortrag von Stephan Höllwerth vor dem Konzert.

Das dreisätzige Werk hat im ersten Satz die Ulme zum Thema – ein Baum, der nach dem keltischen Baumhoroskop Sicherheit, Lebenskraft und Zuversicht ausstrahlt, wie von Schneider zu erfahren war. Der zweite Satz ist überschrieben mit »Miniaturen: Wurzel – Stamm – Blätterkrone« und stellt musikalisch das Lebensuniversum eines Baumes als Mikrokosmos dar. Die Fichte, der »Wächter über das Mysterium des Lebens« und das älteste Lebewesen auf der Erde, nämlich knapp 10 000 Jahre alt, wie Höllwerth im Programmheft darlegt, bestimmt den dritten Satz.

So ist das Konzert für Percussion und Orchester »Geheimnis der Bäume« eine Botschaft über das Leben selbst, das – auf Zuversicht aufbauend und kosmisch betrachtet – viele positive (Klang-)Erfahrungen mit sich bringt, symbolisch dargestellt durch den vielseitigen Schlagwerkapparat.

Der erste Satz begann mit einem lauten Gongschlag, der sofort für Aufmerksamkeit sorgte. Die Virtuosität, mit der Panzl von einem Instrument zu einem anderen wechselte, verlangte Geschwindigkeit, Kondition und einen guten Orientierungssinn im Dschungel der Möglichkeiten. Ein langes Solo in diesem Klang-Universum zeichnete den zweiten Satz aus. Die Steigerung der Klangvariationen auf den verschiedenen Instrumenten durch Wechseln der Schlegel für das jeweilige Instrument und der Gegensatz zwischen mächtigen und weichen Klängen, zum Beispiel auf den Trommeln oder den Eschenholzinstrumenten im Vergleich zu Melodien auf dem Marimbafon sorgte im dritten Satz für einen dramatischen Höhepunkt.

Würdig eingerahmt wurde die Geburt dieses neuen Werkes durch die Ouvertüre zu »Der Freischütz« und die »Pastorale« von Beethoven, die Wolfgang Lischke – wie auch die Uraufführung – sehr reflektiert dirigierte. Er stellte den Gegensatz zwischen langsamen und schnellen Passagen kunstvoll und deutlich heraus und erreichte so eine spannende Dramatik in beiden Werken – was für die der Ouvertüre zugrunde liegende Bühnenhandlung ebenso wie für die 6. Sinfonie von Beethoven eine adäquate Interpretationsgrundlage bot und die kompositorisch angelegten Kontraste zwischen den einzelnen Themen unterstrich.

David Panzl konzipiert die Schlagwerkinstrumente selbst

David Panzl hatte die Schlagwerkinstrumente für das Konzert in Zusammenarbeit mit dem Komponisten zum Teil – was Form, Holzart und Befestigung oder Aufhängung betraf – selbst konzipiert und dementsprechend mithilfe eines Instrumentenbauers hergestellt. Mit verschiedenen Schlegeln erzeugte er in seinem rechteckigen »Klangraum« auf Marimbafon, Woodblocks, selbst gebauten Holzklingern – aufgehängte Eschenholzbretter –, Bamboo Chimes und Schwirrholz, das er wie ein Lasso schwang, Holzklänge auf der Grundlage von Rhythmus und Melodie, die auch mit den Orchesterinstrumenten ähnlich dargestellt wurden.

Das Schlagwerk im Orchester war aber auch nicht arbeitslos, die Bläser und Streicher unterstützten das Baumgewisper tatkräftig mit chinesischen Essstäbchen, die sie ganz unauffällig und wie nebenbei aufeinanderschlugen oder sie erzeugten auf der Rückseite der Geigen Klopfgeräusche.

Die assoziationsreichen Klänge waren Impulse für die Fantasie der Zuhörer zu allerhand bildreichen Vorstellungen zum Thema Baum. Das Bad Reichenhaller Publikum zeigte lautstarke Begeisterung für den jungen Percussionisten David Panzl, den Komponisten Enjott Schneider sowie die Philharmonie. Brigitte Janoschka