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Die Kraft der Liebe überwindet sogar den Tod

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Die Brüder Löwenherz: Karl (Gregor Schleuning) und Jonathan (Gregor Schulz) begeistern die Kinder in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters (Foto: Landestheater)

Als die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren 1973 den Roman Brüder Löwenherz schrieb, gab es für die Kinder dieser Zeit weder Computer noch Tablets und auch keine Handys. Es gab Bücher, Geschichten und einfache Spiele. Die Kinderfantasie selbst erschuf im Spiel aufregende Abenteuer, zauberhafte Welten, sagenhafte Wesen mit überirdischen Fähigkeiten.


Ihre Fantasiewelt verlieh ihnen Flügel: Sie verwandelten alles Schreckliche ins Gute, alles Langweilige ins Spannende und verhalfen allen Hoffnungslosen zu neuem Mut. Einfach so, kraft ihrer Fantasie. In der Inszenierung der »Brüder Löwenherz« in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters konnten die kleinen und großen Besucher nun erleben, dass die blühende Spielwiese in Astrid Lindgrens Werken bis heute Wirkung zeigt. Offenbar löste die Geschichte der Brüder Löwenherz im Regisseur Oliver Wronka und der Bühnenbildnerin Nina Wronka wahre Kreativitäts-Salti aus, die sie zusammen mit drei Kind gebliebenen Schauspielern in atemberaubender Weise auf die Bühne brachten.

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Die drei Schauspieler Gregor Schleuning, Gregor Schulz und Julienne Pfeil nahmen ihr junges Publikum mit auf eine aufregende Fantasiereise, in deren Verlauf sich die kleinen Zuschauer selbst zu vergessen schienen: Große Augen verfolgten das Geschehen auf der Bühne, das sich immer wieder auch in den Publikumsraum hinein verlagerte. Mit fast manischem Vergnügen stürzte sich das Schauspiel-Trio ins Geschehen, schlüpfte in alle wichtigen Rollen und Figuren, sprengte so mit darstellerischer Glanzleistung die Grenzen des Machbaren.

So wurden die Brüder Löwenherz »begreifbar«: ihr Atem, ihre Emotion, ihre Freuden und Nöte standen in direktem Zusammenhang mit der sich im Moment ereignenden Geschichte. Wie das geht? Eben mit dieser kostbaren Gabe, die sonst nur ins Spiel vertiefte Kinder beherrschen. Blitzschnelle Kostümwechsel, eine zu der jeweiligen Figur angepasste Stimmfärbung, Körperhaltung, -bewegung, -spannung und Mimik katapultierten kleine und große Zuschauer in Lindgrens lebendig gewordenes Fantasieland Nangijala.

Den Brüdern Karl (Gregor Schleuning) und Jonathan (Gregor Schulz) Löwenherz aus Lindgrens Roman blieb, um mit ihrer tragischen Lebenssituation fertig zu werden, nur eines: Die Flucht in eine selbst erschaffene, »bessere« Welt. Karl wird sterben: Dessen sind sich die Brüder bewusst. Jonathan tröstet ihn, beschreibt ihm den Tod als Übergang in eine Welt ohne Schmerzen, in der er wieder atmen, laufen und lachen können wird. Mit zwei kunstvoll gefertigten Handpuppen vertiefen sich die Brüder ins Spiel, reiten schließlich auf Pferden durchs Kirschblütental, treffen auf liebe, aber auch böse Gestalten, kämpfen gegen den Tyrannen Tengil und sein gefährliches Drachenweibchen Katla und erfahren in ihren Abenteuern vor allem eines: Zusammenhalt macht stark, verwandelt Angst in Mut und hat mehr Macht als Boshaftigkeit und Intriganz. Die Kraft der Liebe spendet nicht nur Trost, sie überwindet den Tod, die Furcht vor Einsamkeit und versöhnt Bitterkeit mit Hoffnung.

Dass am Ende, in der grausamen Realität, ausgerechnet der gesunde Bruder Jonathan für seinen kranken Bruder beim Sprung aus dem Fenster des brennenden Hauses sein Leben lässt, mag im ersten Augenblick als verstörendes Paradoxon wirken. Als Jonathan mit Karl im Arm in die Tiefe springt und stirbt, tröstet den Zurückgebliebenen im Angesicht seines unausweichlichen, Krankheits bedingten Todes, das Wissen um die »Welt hinter der Welt«, Nangijala, in der man wieder zusammen kommen wird.

Für Astrid Lindgren hagelte es damals haufenweise Kritik. Mit ihrem Umgang mit dem »unbequemen« Thema Sterben und Tod war sie wohl ihrer Zeit voraus. Christian Schönfelders Bühnenfassung der Brüder Löwenherz, die Regisseur Oliver Wronka mit drei Schauspielern, die ihre Sache nicht besser hätten machen können, in einem Bühnenbild (Nina Wronka), welches in ausgeklügelter Kreativität die Illusion einer kunstvollen Bildillustration vermittelt, ist ein geschmackvolles Gesamtkunstwerk. Gehaltvoll, spannend, ja fesselnd. Es werden gesellschaftliche Werte herausgestellt, die mancherorts vom Aussterben bedroht sind.

Diese Art der Fantasie sollte zum Weltkulturerbe gemacht werden. Bravo, so geht Kindertheater! Kirsten Benekam