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Die Lebenshaltung des Flamenco im Blut

»Un baile no es flamenco si la persona que lo baila no lo es«, heißt eine spanische Redensart, frei übersetzt: »Ein Tanz ist kein Flamenco, wenn ihn die Person, die ihn tanzt, nicht mit ihrem ganzen Sein verkörpert.« Dieser Spruch trifft nicht nur auf den jungen Flamenco-Tänzer Barullo zu, der das Publikum im Großen Festspielhaus zum Abschluss des Salzburger Jazz-Herbstes begeisterte, sondern vor allem auch auf das fast tänzerische Spiel von Paco de Lucia. Der 1947 geborene spanische Gitarrenvirtuose gilt als »König des Flamenco«, den er wahrhaftig lebt und atmet, und war für den aus gesundheitlichen Gründen verhinderten Paolo Conte eingesprungen.

Paco de Lucia begeisterte beim Jazz-Herbst im Großen Festspielhaus in Salzburg. (Foto: Curro Sanchez)

Allein betrat Paco de Lucia mit seiner Gitarre in einem Lichtkegel die ansonsten dunkle Bühne, setzte sich mit übereinandergeschlagenen Beinen hin und begrüßte sein Publikum schlicht und familiär mit »Buenas noches«. Ansonsten machte er nicht viele Worte, fragte die Zuhörer nur einmal zwischendrin auf Spanisch, ob es ihnen gefällt, und ließ ansonsten sein Instrument sprechen. Unscheinbar beginnend, steigerte sich sein Spiel zu harten Schlägen, um plötzlich wieder lieblich und versöhnlich dahin zu perlen und sich dann zu neuen Ausbrüchen hinreißen zu lassen. Zart und hart wie die spanische Sprache und dabei sensationell im Klang.

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»Ole!«, tönte es aus dem fast voll besetzten Zuschauerraum, aus dem immer wieder Applaus aufbrandete. Manche Conte-Fans waren ausgeblieben. Dafür hatten andere extra wegen dem Flamenco-Gitarristen kurzfristig noch Karten erworben.

Bald gesellten sich zu Paco de Lucia sieben überwiegend junge Männer, die alle Virtuosen auf ihrem Gebiet waren. Der vielseitige Schlagzeuger Pirana hatte Biss wie der gefährliche Fisch und gab den Stücken harten, metallenen Flamenco-Sound mit Einflüssen aus der lateinamerikanischen Musik und dem Latin Jazz. Die Sänger Rubio de Pruna und David de Jacoba versprühten mit ihren melismatisch heiser hinausschreienden expressiven Stimmen pure Leidenschaft und hauchten so dem Flamenco mit seinen orientalischen, kastilischen, jüdischen und maurischen Einflüssen pulsierendes Leben ein. Geprägt wurde diese schillernde Musikgattung vor allem von den Kalé, einer spanischen Untergruppe der Roma, zu der auch Paco de Lucia gehört. Diesen unterstützten an den Saiten in idealer Ergänzung Antonio Sanchez (Gitarre) und Alain Perez (Bass).

Vollends in ein spanisches »café cantante« (Flamenco-Café), das weniger unserem Café als einem Nachtlokal ähnelt, fühlte man sich versetzt, wenn Tänzer Barullo die Bühne eroberte. Ganz ohne Kastagnetten, nur mit seinen atemberaubend schnell klappernden Stiefeln, kreierte er facettenreiche, explosive Rhythmen und warf zwischendrin Oberkörper und Arme in stolze Posen, die an einen Fechter oder Stierkämpfer erinnerten. Als zusätzliche Bereicherung könnte man sich da noch eine Flamenco-Tänzerin vorstellen. Freilich fehlt bei solch einem professionellen Auftritt auf großer, von dezenter Lichtregie optimal ausgeleuchteter Bühne ein wenig die ursprüngliche Café-Atmosphäre. Doch dies glichen die auswendig spielenden Musiker durch ihr frisches, spontanes Miteinander und überströmende Spielfreude aus.

Statt ihrer Instrumente verwendeten diese zum Teil auch ihre Hände zum Erzeugen der mitreißenden Rhythmik. Melodiefetzen wechselten mit hinausgeschleuderten Rhythmen. Paco de Lucia verblüffte dabei immer aufs Neue mit seiner Wandlungsfähigkeit, ließ die Gitarre schnarren, hämmern, singen oder flüstern. Keyboarder Antonio Serrano schwelgte an der Mundharmonika herrlich in Melancholie und leitete nach einem eher traditionellen ersten Teil gekonnt zu einem eher jazzigen Block über. Der Reihe nach brillierten die Musiker fast artistisch als Solisten. Für den frenetischen Beifall mit Trommeln, Fußstapfen und Rufen gab es eine längere Zugabe. Am Ende: Stehende Ovationen für den König des Flamenco und seinen Hofstaat. Veronika Mergenthal