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Die letzte Marmorkugelmühle Deutschlands gibt es in Marktschellenberg

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Marktschellenberg – Die Kugelmühle am Eingang zur Almbachklamm ist die letzte Marmorkugelmühle Deutschlands. Hier entstehen mit Wasserkraft Marmorkugeln, die ein beliebtes Mitbringsel sind. Für die Betreiber Friedl Anfang und Steinmetz Wolfgang Küpper ist es ein Herzensanliegen, die Tradition weiterzuführen.


Die Untersberger Marmorkugelmühlen gibt es seit 1683. Sie zählen zu den ältesten Gewerbebetrieben Bayerns. Die Kugelmühle in Marktschellenberg ist die letzte verbliebene Marmorkugelmühle Deutschlands. Zwischen 70.000 und 80.000 Besucher kommen jedes Jahr vorbei, um durch die angrenzende Almbachklamm zu spazieren.

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Von hier gingen einst die vor allem als Kinderspielzeug beliebten Murmeln – auch genannt Marmeln, Schusser oder Kicker – in alle Welt. "Über Rotterdam und London wurden sie vor allem nach Ost- und Westindien exportiert", sagt Friedl Anfang, an die 600 bis 800 – und manchmal sogar 1000 Zentner pro Jahr, wobei ein Zentner etwa 10.000 Murmeln entsprach. In der Segelschifffahrt waren die Murmeln darüber hinaus als Fracht willkommen, eigneten sie sich doch vor allem als Ballast, weil sie bei verhältnismäßig großem Gewicht wenig Raum einnahmen.

"Die letzten Murmeln aus Untersberger Marmor gingen von hier 1921 nach London", sagt Anfang. Noch zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts trieb der Almbach an die 40 Kugelmühlen an, zu denen in der näheren Umgebung weitere 90 hinzukamen. Vor allem Bergbauern betrieben die Mühlen, die eine zusätzliche Verdienstmöglichkeit versprachen, denn von Landwirtschaft und Holznutzung allein konnten sich die Bergbauern nicht ernähren. Übrig geblieben ist nur noch die Kugelmühle von Friedl Anfang, der sie als Letzter seiner Zunft in Betrieb hat. "Es ist eine Attraktion für die Besucher der Almbachklamm", sagt Anfang, der auf einen Hügel an Steinen deutet: mächtige Brocken, gesammelt in Flussbetten der näheren Umgebung. Er nimmt eine Gießkanne, kippt Wasser über die Steine. "So sieht man am besten die Struktur der Steine." Versteinerte Korallen erkennt man dann, rote, gelbe, graue. "Das sind schöne Exemplare", sagt er.

Steinmetz Wolfgang Küpper betreut die Kugelmühle seit rund zwei Jahrzehnten. Ein, zwei Mal pro Jahr macht er sich auf die Suche nach schönen Steinen mit besonderen Maserungen, die später in der Kugelmühle zu jenen als Souvenir beliebten Kugeln verarbeitet werden. "Es gibt in der Gegend tolle Orte, aber man muss sie finden", sagt er. "Die Marmorbrocken suchen wir, ich behaue sie dann in der Werkstatt zu einer Würfelform", sagt Küpper – je nach Größe.

Viel Zeit wird in die Bearbeitung der meist scharfkantigen Rohlinge investiert, da diese die Basis für das fertige Produkt bilden. Marmorkugelgrößen gibt es von zwei Zentimetern bis hin zu 16 Zentimetern, wobei letztere ein stattliches Gewicht mit sich bringen. Bevor es so weit ist, müssen die behauenen Steine aber in die Mühlen, die mit Wasser des Almbaches angetrieben werden.

Sechs Mühlen umfasst die Anlage, vier große, zwei kleine, in denen gleichzeitig Dutzende Marmorkugeln entstehen können. Diese speziellen Konstruktionen bestehen aus dem unteren, feststehenden Schleifstein aus hartem Sandstein vom Obersalzberg und der oberen Drehscheibe aus Buchenholz, die die Steine in der Form hält und auf die das Wasserrad aus Lärchenholz aufgezapft ist. Die Mahldauer beträgt je nach Kugelgröße „zwei bis zwölf Tage“, sagt Wolfgang Küpper. 16-Zentimeter-Kugeln brauchen mehr Zeit, rund zu werden.

In dieser Zeit werden die nur grob behauenen Steine, angetrieben vom Wasser, geschliffen, sie reiben aneinander, sind in ständiger Bewegung, da sie in der Konstruktion im Kreis angeordnet sind. Tatsächlich kann es vorkommen, dass sich Rohlinge verkanten, die Mühle dann stoppt. Oder aber der Schleifstein ist abgenutzt. 

"Ein Problem ist die Wasserknappheit", sagt Küpper. In Monaten, in denen der Almbach wenig Wasser führt, ist es möglich, dass die Mühle nicht oder nur eingeschränkt läuft. "Der optimale Zeitpunkt ist das Frühjahr", verrät der Steinmetz. Dann hat die Schneeschmelze eingesetzt, das Wasser rund um das Einzugsgebiet des Untersberges füllt den Almbach, die Marmorkugeln haben so die optimale Möglichkeit rund zu werden. Anschließend müssen sie feingeschliffen und poliert werden, um einen besonderen Glanz zu erhalten und die Steinstruktur hervorzuheben, bevor sie als originelles Mitbringsel für die Daheimgebliebenen oder als Erinnerung an schöne Tage im Berchtesgadener Land gekauft werden können.

Friedl Anfang betreibt die Kugelmühle seit 45 Jahren. Er ist nun über 70 Jahre alt. Auch, wenn er noch nicht ans Aufhören denkt, kann er sich sicher sein, dass das Handwerk erhalten bleibt. Sohn Stefan wird weitermachen und somit die lange Geschichte der Marktschellenberger Kugelmühle fortführen. Kilian Pfeiffer