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Die Lust am Ausloten von Gegensätzen

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Franz Xaver Angerer neben seiner dreiteiligen Eschenholz-Skulptur »Babel« im Carabinierisaal. (Foto: Kleinert)

Die Natur mit ihrer Urgewalt und ihrer Vielfältigkeit ist das Fundament seiner Kunst und bietet ihm seit mehr als drei Jahrzehnten eine schier unerschöpfliche Inspirationsquelle: Franz Xaver Angerer, Bildhauer aus Hammer bei Siegsdorf. Ihm ist auf der Burg Tittmoning eine umfassende Werkschau mit dem Titel »Skulptur und Struktur« gewidmet.


Die hundert ausgestellten Kunstwerke geben einen eindrucksvollen Überblick für die Bandbreite seines Schaffens, neben den charakteristischen schwarzen Holzskulpturen erwarten den Besucher dreidimensionale Raumbilder, Farbholzschnitte, Kohlezeichnungen, Fotografien und Objektkästen.

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Die Struktur des Holzes immer im Blick

Tittmonings Bürgermeister Konrad Schupfner erklärte bei der Vernissage, dass es einige Gemeinsamkeiten zwischen Angerer und ihm gebe, nämlich das Geburtsjahr 1953 – »ein guter Jahrgang« wie er befand – und dass sie beide in einer Schmiede aufgewachsen seien. Besonders fasziniert sei er von der Technik des Bildhauers, das Holz zu verkohlen, es karbonisieren und dabei aber immer die Struktur des Holzes im Blick zu behalten.

Die Kunsthistorikerin Gabriele Morgenroth, die sich seit Langem intensiv mit dem Werk Angerers befasst und eine profunde Kennerin seines Œuvre ist, informierte in ihrem Einführungsvortrag nicht nur über den Werdegang des Künstlers, sondern sie lieferte auch eine umfassende kunsthistorische Analyse.

Angerer, gelernter Maschinenbauer, war bereits in jungen Jahren an Literatur, Wissenschaft und Kunst interessiert, die Natur, Brauchtum und altes Handwerk faszinierten ihn besonders. 1986 nahm er an der internationalen Sommerakademie in Salzburg in der Klasse »Bronzeguss« bei Professor Josef Zenzmaier teil – quasi die einzige »akademische« Station des Autodidakten. Seit 1988 ist Angerer als freischaffender Bildhauer tätig, seit 2009 betreibt er in Hammer die Atelier-Galerie »Kunstgetriebe«. Angerer hat außerdem durch bedeutende öffentliche Aufträge von sich reden gemacht.

Distanz und Nähe, das Wechselspiel von Aushöhlen und Stehenlassen, dazu die Lust am Ausloten von Gegensätzen, an der Verfremdung und schließlich der Transformierung stehen im Zentrum des künstlerischen Schaffens von Franz-Xaver Angerer, so Gabriele Morgenroth. Ein tiefes Verständnis für den Werkstoff Holz und den Kreislauf der Natur beherrschen seine bildhauerischen wie auch seine grafischen Arbeiten.

Der Künstler arbeitet mit der Motorsäge, mit dem Stemmeisen und anderen Schneid- und Schleifwerkzeugen, hat dabei aber immer die natürlichen Gegebenheiten des Stammes, seine Kurvaturen, Bruchstellen, Verwitterungsspuren im Blick. Er höhlt massive Baumstämme aus, bis mitunter nur die filigrane Außenhaut oder lamellenartige Quer- und Längsstrukturen stehen bleiben – ein technisch höchst aufwendiger und schwieriger Arbeitsprozess.

Diese parallel durchschnittenen Lamellen sind charakteristisch für seine neueren Skulpturen. Das Holz wird dadurch beinahe von seiner Schwerkraft befreit, es entsteht eine unglaubliche Dynamik, erklärte Gabriele Morgenroth. Schwere Stämme erscheinen fast schwerelos.

Durch die abschließende Karbonisierung, also das Verbrennen der Oberfläche, erreicht der Künstler nicht nur eine ungeheure Verdichtung, es ist auch eine der besten Konservierungsmethoden für das Holz und gibt der Oberfläche den für Angerer typischen tiefen Schwarzton. Prägnante Beispiele dafür sind einige an die drei Meter hohe Skulpturen, beispielsweise »Babel I, II, III« im Carabinierisaal.

Klar und präzise herausgearbeitet

Auch bei der Druckgrafik und in seinen Zeichnungen, die in der Tittmoninger Ausstellung gut die Hälfte der gezeigten Werke ausmachen und in den oberen Stockwerken des Fürstenstocks präsentiert werden, wendet Angerer das Prinzip an, aus dem Material unterschiedliche Strukturen klar und präzise herauszuarbeiten. Mal entstehen Landschaftsformationen aus feinen Schraffuren, mal aus breiten, kantigen Strichen. Immer entwickelt sich eine enorme Bewegung. Variationen in der Farbe, etwa bei der Serie der »Hügelbilder« von 2016, lassen ein und denselben Holzschnitt in einem neuen Licht erscheinen und geben ihm dadurch jeweils eine andere Intensität.

Spannungsreich ist eine Reihe von dreidimensionalen Raumbildern, die ebenfalls zu Angerers aktuellen Werken gehören und im Carabinierisaal zu sehen sind. Für die Serie »Berge / alles im roten Bereich« hat er hölzerne Bruchleisten karbonisiert, teils auch rot gefasst und auf Bildträger montiert. Franz Xaver Angerer, der viel in den Alpen unterwegs ist, sieht in diesen Bruchstücken nicht nur das natürliche Relief der Berge, sondern auch das, wo der Mensch eingegriffen hat. In der Serie »Kamtschatka« erinnern die Bruchstücke an unwirtliche Landschaften und an abgekühlte Lava – »Kamtschatka«, die gleichnamige Halbinsel in Sibirien, wird wegen der dreißig aktiven Vulkane auch »Land der Vulkane« genannt.

Neben der Geologie ist es die Astronomie und das Universum mit seinen Kometen, was Angerers Fantasie beflügelt. Eines dieser spannenden Ergebnisse sind seine Aquadrucke aus der Serie »Hommage an Galileo Galilei«, die, weil in freier Natur gedruckt, an der Oberfläche oxidiert sind und dadurch ganz eigenwillige visuelle Effekte entstehen lassen.

Die Skulpturen fügen sich harmonisch in die schönen, teils gewölbten Räume der Burg ein, die grafischen Arbeiten sind mit Bedacht gehängt, was den Besuch der gelungenen Schau ebenfalls empfehlenswert macht. Die Ausstellung ist bis 19. August täglich (außer Montag und Dienstag) von 13 bis 17 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet. Am morgigen Sonntag findet um 15 Uhr ein vom Künstler geführter Rundgang durch die Ausstellung statt. Karin Kleinert