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Die Platte als Sinnbild für das »große Ganze«

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Uwe Bressnik (von links) bei der freien Improvisation mit Günther Schaubeder, Christine Pigerl und Andreas Schillinger vor Drucken seiner Original-Werke. (Foto: Mergenthal)

Sie sind rund und schwarz, mit einem Loch in der Mitte und bestehen aus schlichten konzentrischen Kreisen. Eindeutig sind die »Platten« im Zentrum der Bilder des Wiener Künstlers Uwe Bressnik als Schallplatten erkennbar. Zugleich haben sie, indem sie eine uralte geometrische Form aufgreifen, etwas Allgemeingültiges, Universales. Im Traunsteiner Atelier von Helmut Mühlbacher und Cosima Strähhuber stellte Bressnik nun im Rahmen einer »Release-Party« sein neuestes Werk, eine Mischung aus Kunstkatalog und selbst hergestellter Schallplatte, vor.


In diesem Atelier war Bressnik bereits als Spezialgast in einer »Kunstsprechstunde« Rede und Antwort gestanden. Mit seinem Buch »The Sound of Silence« und einer Reihe von Drucken seiner Arbeiten, die die Atelierwände schmückten, war er diesmal auf Tour. Einen stimmigen Rahmen bildete eine Session des begeisterten Piccolo-Trompetenspielers mit einigen Musikern, die sich großteils nicht kannten. Frei improvisierte er entspannt mit Günther Schaubeder aus Braunau am Schlagzeug, Andreas Schillinger aus Surberg an der Zither sowie den Traunsteinern Christine Pigerl am Keyboard und Saxofon und Norbert Niemann, als Literat bekannt, an der Akustikgitarre.

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Uwe Bressnik wurde 1961 in Villach in Kärnten geboren und studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien bei den Professoren Peter Weibel, Oswald Oberhuber und Ernst Caramelle. Die Idee, als bildender Künstler Platten herzustellen, auch ohne Studio, reifte in den 90ern während eines »Artist-in-Residence«-Aufenthalts in Paris heran. »Ich hab einfach alles mit meinen Händen und meiner Imagination gemacht, hab die Scheibe aus Karton geschnitten, gerundet, geschliffen und schwarz gestrichen, und dann mit Bleistift die Rillen gemacht«, erklärte Bressnik im Gespräch mit Georg Weckwerth, das im Katalog abgedruckt ist.

»Ich beschäftige mich mit der Transformierung von Musik ins Bildnerische«, führt er in Traunstein näher aus. Sein Ziel ist es, über das Visuelle so »einen Klang im Kopf anzuspitzen, dass man tatsächlich was hört«. Die von den konzentrischen Kreisen abweichenden Linien, die sich automatisch durch die Ausführung mit freier Hand ergeben und die bei realen Platten den Sound erzeugen, vergleicht er mit den Abweichungen im Strich, die eine Zeichnung so lebendig machen.

Für seine Kunstwerke nahm er als Grundlage einerseits Flohmarkt-Bilder, wie ein Alpen-Aquarell mit einem Feldkreuz im Vordergrund. Den misslungenen Bergfuß deckt er durch die in die Landschaft eingefügte, riesenhafte Schallplatte ab. Die Bergspitze hingegen gefiel Bressnik, sie scheint im Loch der Platte durch, jedoch auf den Kopf gestellt, als ob sie sich mit der Platte drehen würde – ein rollender Felsen, daher der Titel »Rock’n’Roll«.

Die Grundlage eines anderen Bildes ist ein alter Stich von Faust im Studierzimmer. Eine Kerze neben einem Totenschädel auf einem Tisch ersetzte der Künstler durch eine Schallplatte, die hier wie eine Weltkugel wirkt. »Ich hab sie ihm (Anm. der Redaktion.: Faust) untergejubelt, aber sie steht für das große Ganze«, stellt er schelmisch fest. Alte Menschheitsfragen, etwa ob die Erde eine Scheibe oder eine Kugel ist, schwingen mit in dieser Allegorie. Und schließlich ist für Plattensammler eine Platte die ganze Welt.

Die Bilder einer anderen Serie spielen mit der Magie der Linie, die aus dem Nichts Raum kreiert. Sie sind im Original 1,30 mal 1,30 Meter groß, die Drucke 50 mal 50 Zentimeter. Auf mit Acryl schwarz grundierten Platten zeichnete der Wiener mit Silberstift Linien, die auf einer Raumebene eine Schallplatte andeuten und auf den anderen Raumebenen deren Schwingungen. Die Vibrationen erfassen das Mobiliar eines stilisierten Zimmers ebenso wie einen Astronauten im All.

Beim im Lauf des Abends wachsenden, launigen Publikum kam das »Gesamtkunstwerk« gut an und inspirierte viele Gespräche. Das zentral aufgelegte neue Buch wurde eifrig durchgeblättert. Infos über die nächsten Kunstsprechstunden finden sich unter www.kunstsprechstunde-ts.de. Veronika Mergenthal