Die Regisseure sind die Bösen

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Unter der Regie von Max Reinhardt entstand für William Shakespeares »Ein Sommernachtstraum« dieses Bühnenbildmodell von Gustav Knina, Berlin 1905. (Foto: Gärtner)

Wer ins Theater geht, will sich unterhalten. Wer ins Theater geht, will wissen, was die großen Dichter über Lebensfragen denken. Wer ins Theater geht, will sich einen schönen Abend machen. Wer ins Theater geht, will große Schauspielkunst erleben. Wer ... – man könnte mehr Gründe anführen, die für einen Theaterbesuch sprechen.

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Vielen, die jahrelang regelmäßig ins Theater gehen, wurde mit dem Schlagwort »Regietheater« das vergällt, wofür sie ihr »Theater-Leben« lang schwärmten: für klassische oder moderne Stücke, für einprägsame Darstellerinnen und Darsteller, für eine ästhetische Atmosphäre der geistigen Anregung und Auseinandersetzung. Das »Regietheater« machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Oder besser gesagt: Regisseure, die die Stücke völlig anders deuten als es der Theaterbesucher erwartete, die aus klassischen Stücken moderne Stücke machen, die mit den alten kaum mehr etwas zu tun haben. Schlimmer noch: die die Stücke so unverständlich auf die Bühne bringen, dass man als Zuschauer leidet oder gar das Weite sucht. Die Bösen sind die Regisseure.

In der Ausstellung mit dem Reiztitel »Regietheater« im Deutschen Theatermuseum in München geht es also um die Rolle und Bedeutung des Regisseurs. Regisseurinnen gibt es in Wirklichkeit auch, aber sie tauchen in dieser Ausstellung so gut wie gar nicht auf. Wurden schlicht vergessen. Oder unterschlagen? Wie auch immer: Ein großes Manko. Mit Christine Mielitz, Amélie Niermeyer oder Andrea Breth seien nur drei von etlichen Regie führenden Frauen genannt, die nicht nur viel bewirkten, sondern Theatergeschichte geschrieben haben. Was sich dem Besucher zeigt, ist das Groß-Aufgebot der männlichen Spielleiter, namentlich des Sprech-, weniger des Musiktheaters. Alle zeichnen sich dadurch aus, eine Aura der Alleinherrschaft erzeugt zu haben. Die wirkt in vielen Fällen so bestimmend, dass das Ego des Regisseurs sich über das Ego des Dramatikers wölbt, rund heraus gesagt: Der Regisseur spielt nicht den Part des Vermittlers eines Stückes, sondern den des Erneuerers.

Sieht man die Ausstellung unter diesem Aspekt, ergibt sich eine gute Möglichkeit, deutsche und österreichische Theatergeschichte an ausgewählten Leistungen derjenigen (männlichen) Persönlichkeiten abzulesen, die seit etwa einem Jahrhundert als Stücke-Interpreten das Sagen hatten, mitunter noch haben, denn wenige aus den Reihen der »alten Garde« zwischen Berlin und Wien leben noch: Claus Peymann etwa oder Peter Stein. Zusammen mit Peter Zadek sind sie die Galionsfiguren des »Regietheaters«. Sie sind nicht nur tonangebend, sondern radikalisierend, was die Ästhetik betrifft, die sie den Bühnenwerken von Goethe bis Wedekind, von Lenz bis Botho Strauss überstülpen – so die Kritiker.

Damit sind wir in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts gelangt. Doch die Ausstellung setzt viel, viel früher an. Zeigt Porträts der Großen: Max Reinhardt, Fritz Kortner, Leopold Jessner, Gustaf Gründgens. Mit dem heute kaum bekannten Otto Brahm und dem durch die Gründung der Salzburger Festspiele zum Inbegriff es Theaterregisseurs des 20. Jahrhunderts gewordenen Max Reinhardt beginnt Direktorin Claudia Blank, die mit Petra Kraus die Schau kuratierte, die Präsentation der unzähligen Bühnenbildentwürfe. Ergänzt werden sie von Originalgrafiken aus den theatergeschichtlichen Sammlungen von Köln, Wien, Berlin, Salzburg, Saarbrücken, München.

Die Ausstellung wurde wegen der zwischenzeitlichen Unterbrechungen bzw. Schließungen aufgrund der Corona-Pandemie bis 1. August verlängert. Interessierte können sich über aktuelle Öffnungszeiten bzw. Auflagen auf der Homepage des Museums informieren.

Hans Gärtner

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