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Die »Rennpferde des kleinen Mannes«

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Brieftaubenzüchter Konrad Schollerer präsentierte beim Tag der Brieftaube den Besuchern ein gerade erst vor Kurzem geschlüpftes Pärchen. (Foto: Humm)

Chieming – Brieftaubenzüchter – gibt es die in Zeiten von E-Mails und Mobilfunk eigentlich noch? »Ja«, sagt einer, der es wissen muss, voller Überzeugung. Denn die Zucht von Brieftauben halte ihn jung, so der 80-jährige Karl Schollerer aus Chieming. Anlässlich des Tags der Brieftaube, den der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter organisiert hatte, öffnete er seinen Taubenschlag auf dem Anwesen der Familie Lechner an der Stötthamer Straße, um Interessierte zu informieren.


Sein Hobby betreibt er demnach bereits seit jungen Jahren. Derzeit besitzt der Züchter über 40 Paare. »Brieftauben sind die Rennpferde des kleinen Mannes«, sagt er und lacht. Im August 1956 hat er erstmals Brieftauben auf die Reise geschickt. Dabei seien die Brieftauben regelrechte Orientierungswunder.

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Etwa zehn Tage nach der Paarung legt das Weibchen zwei Eier. Das Gelege wird von beiden Elternteilen im Wechsel 17 Tage lang bebrütet. Nachdem die Küken geschlüpft sind, wachsen sie in den ersten Tagen enorm schnell und erreichen schon nach wenigen Tagen ein Mehrfaches ihres Geburtsgewichts. Bereits nach 22 bis 25 Tagen beginnen sie, die Nahrung (überwiegend Körner) selbstständig zu fressen.

»Ich bringe sie dann in einen separaten Abteil des Schlages«, sagt Schollerer, und bald unternehmen sie schon die ersten Flugversuche. Oft fliegen die Jungtiere dabei mehrere Stunden am Stück. Alttauben – meist älter als ein Jahr – fliegen Distanzen von 100 bis 650 Kilometer, Jungtauben schaffen auch schon 80 bis 300 Kilometer. Bei Preisflügen an den Wochenenden fliegen die Tiere je nach Windrichtung und Windstärke mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 70 bis 120 km/h in ihre Heimat zu ihren Züchtern zurück. Die Fähigkeit, trotz großer Entfernung immer wieder in ihren heimatlichen Taubenschlag zurückzufinden, ist ihnen dabei laut Schollerer angeboren.

Beim Besuch des Traunsteiner Tagblatts präsentierte der Chieminger Brieftaubenzüchter zahlreiche Urkunden mit ersten Preisen. Er zählt zu den erfolgreichsten Brieftaubenzüchtern in Deutschland. Es werde aber immer schwieriger, junge Menschen für den Brieftaubensport zu begeistern, obwohl vieles moderner geworden ist, bedauerte er. Die Taubenschläge, das Training und die tägliche Fütterung frühmorgens und abends wurden optimiert, die Wetterberatung für Preisflüge erfolge internetgestützt von zertifizierten Experten und die Auswertung der Flugleistungen erfolge über einen Transponderring, den jede Brieftaube am Fuß habe.

Dabei haben Brieftauben einen beruhigenden Einfluss, der positiv auf die Gesundheit des Menschen einwirkt, hat Schollerer in all den Jahren beobachtet. Trotzdem ging der Mitgliederstand des Taubenzuchtverbands von rund 100 000 in den 1950-er und 1960-er Jahren auf heute 35 000 Mitglieder zurück. Er selbst denkt nicht ans Aufhören: »So lange es mir gesundheitlich gut geht, übe ich dieses lebendige Hobby mit großer Freude aus, ich bin dabei naturverbunden und als Tierfreund in gespannter Erwartung auf die Rückkehr meiner Tiere von den Preisflügen«, so Schollerer. OH

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