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Die Schafflüsterin

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Umzingelt: Gisela Badura-Lotter inmitten ihrer Steinschafe. (Foto: Eva Goldschald)

Marktschellenberg – Das Steinschaf ist eine alte Nutztierrasse, die es heute kaum noch gibt. Bei Biologin Gisela Badura-Lotter wohnen zehn davon. Ein fast einsames Paradies, das an frühere Zeiten erinnert.


Die Türe zu Gisela Baduras Haus steht offen. Ihr lautes Lachen, das so ungehindert nach draußen schallt, würde man wahrscheinlich auch durch die massive Haustüre aus Holz hören. »Hallo, ich bin die Gisi. Schuhe kannst du anlassen, hier ist eh alles dreckig. Wir wohnen auf einer Baustelle.«

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Wenn man durch die Türe des alten Bauernhofes geht, bückt man sich automatisch, auch wenn man nicht groß genug ist, sich am Kopf zu stoßen. In der kleinen Küche rechts neben dem Eingang hat Handwerker Martin gerade ein Regal aufgehängt. »Ois schiaf, aber as Regal is grod.« Die Küche hat er selbst gebaut. Ikea würde in so einem Haus nicht passen. Überhaupt ist hier nichts wie bei Ikea. Die Möbel sind teils vom Flohmarkt, teils Erbstücke, Zeitschriften und Bücher quellen aus offenen Regalen. Bilder hängen keine an der Wand.

Den Mittelpunkt des Hauses bildet ein alter Holztisch. Er ist ein Teil der Familie, der schon seit 20 Jahren mit ihnen umzieht. Von Frankreich nach Salzburg und jetzt in die Scheffau, wo Gisi Badura-Lotter seit Herbst 2018 mit ihrem Mann Jens und Sohn Max lebt. Die anderen beiden Kinder sind schon ausgezogen.

»So, jetzt kann's losgehen.« Kaum hat sich Gisi Badura-Lotter an den Tisch gesetzt, steht sie auch schon wieder auf, bringt Tee, Kaffee und Kuchen. Während des Gesprächs steht sie noch oft auf, immer fällt ihr etwas Neues ein. Steinschafe habe sie schon seit 2016, erzählt die 50-Jährige. Damals lebten sie auf einem gepachteten Grundstück in Salzburg. Jetzt kann Badura-Lotter sie direkt vom Schlafzimmer aus beobachten. Anfang des 20. Jahrhunderts kamen die Tiere noch im gesamten Alpenhauptkamm vor. Ab den 60er-Jahren verdrängte man sie immer mehr. Man kreuzte sie mit anderen Rassen, um mehr Gewinn mit ihnen zu machen, oder schlachtete sie direkt.

Neu entdeckt

Steinschafwidder wurden komplett von den Almen verbannt, vor allem in Salzburg. Erst gegen Ende der 80er bemühte man sich darum, das Steinschaf zu erhalten. Seit gut 20 Jahren werden die Tiere nun wieder gezielt gezüchtet. Gisela Badura Lotter möchte die Rasse erhalten und setzt ihre Schafe wie früher zur Weidebewirtschaftung ein. Sie möchte sehen, wie sich die Vegetation verändert, wie die natürliche Landschaftspflege funktioniert. Für die Heimweide ein Schnitt im Sommer, das war’s. Alles andere erledigen die Schafe.

Zu ihren Schafen hat Gisi Badura-Lotter eine enge Beziehung. Sie sind wie Haustiere, alle haben Namen, ihr Lieblingsschaf heißt Fluffy. Und doch werden einige der Tiere geschlachtet. Das sind dann aber nicht Wieland, Lola oder Elenor, sondern LB1, LB2 oder LB3. LB steht für Lammbraten. Die Namen werden erst nach der Geburt vergeben. »Ich bin froh, wenn es meinen Tieren gut geht, aber ich bin auch froh über gutes Fleisch.« Wer geschlachtet wird, entscheidet Gisi Badura-Lotter, wenn die Böcke geschlechtsreif sind. Dabei kommt es darauf an, wie das Tier gebaut ist, wie es sich verhält, ob es sich gut als Zuchttier eignet oder man es gut weiterverkaufen kann. Wenn geschlachtet wird, fährt sie mit. Der Schlachthof ist zehn Minuten entfernt. Ihre Tiere hält sie dabei bis zum Schluss im Arm.

Nachwuchs wird erwartet

Momentan leben am Hof zehn Steinschafe, wobei neun der Tiere trächtig sind. Nachwuchs kommt im April. Steinschafe sind schon nach vier Monaten geschlechtsreif, Lämmer gäbe es also immer genug. »Das möchte ich meinen Tieren aber nicht antun, dass sie so oft trächtig sind. Ich habe selbst drei Kinder, da weiß ich, wie anstrengend das sein kann.« Gisi Badura-Lotter lacht wieder laut auf, ihr grau meliertes Haar wirft sie dabei leicht über die Schulter.

Direkt neben der Haustüre führt ein schmaler Trampelpfad zu den Schafen. Der Zaun ist nicht fest im Boden verankert, sodass Badura-Lotter ihn immer anders stecken kann. Eine blaue Plane ist über die Holzkonstruktion gespannt. An der Seite ist alles mit Holzscheiten befestigt, die Hälfte davon ist aber schon wieder heruntergefallen. Einen festen Stall gibt es noch nicht.

»Der Winter war mir eher egal, die Stürme haben uns ein paar Mal die Planen weggerissen. Den Schafen macht das allerdings nichts, solange sie trocken und windgeschützt stehen.«

Die blaue Plane weht im Wind, während Badura-Lotter mit ihren zu großen Gummistiefeln über den Zaun steigt. Zehn Schafe laufen auf sie zu, betteln um Streicheleinheiten. Ein Schaf, Ronja, hat es sich angewöhnt, mit den Hufen an den Gummistiefeln zu scharren, als Aufforderung zum Kraulen. Das haben die anderen nachgeahmt. Und so steht Badura-Lotter binnen kurzer Zeit inmitten einer Schafherde. Blöken, drängeln, scharren und schmatzen. Wer zu kurz kommt, macht auf sich aufmerksam, wer schon genug hat, auch. Fluffy weicht Gisi nicht von der Seite, schmiegt sich mit ihrem Körper immer fester an ihre Oberschenkel. Den Mund hat Fluffy dabei leicht geöffnet, ihre Ohren flattern, sie streckt ihren Kopf nach oben gen Himmel, so als würde sie »mehr« flüstern. Gisis Hände färben sich fast schwarz, während sie ihre Finger immer tiefer in die Wolle des Schafes gräbt. Das Wollfett klebt an ihren Händen wie Pech. Doch es fühlt sich nicht unangenehm an, es ist trocken und weich. Wie eine schützende Schicht. Heimelig, geborgen und warm.

Das Haus ist nicht fertig, der Schafstall nicht wetterfest. Und trotzdem sind Gisi Badura-Lotter und ihre Familie seit dem ersten Tag am Hof angekommen. Beruflich ist die Gegend nicht unbedingt das, was man Erfüllung nennen kann, und doch braucht sie nicht mehr als das hier. Ihre Tiere, ihre Familie und die Natur. Wenn sie abschalten will, spaziert die Kölnerin mit ihrem Pferd zur Lärchecker Wand hoch. Immer im Blick den Hof und die Schafe. Eva Goldschald