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Die Schuld ist zu monströs

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Zu dem Dokumentationsfilm »Die Passagierin«, einer Oper des polnischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg in der Inszenierung der Bregenzer Festspiele aus dem Jahr 2010 nach einer Novelle von Zofia Posmysz, luden die Veranstalter der Traunsteiner Sommerkonzerte in das Kino am Bahnhof ein. Das als Weinbergs Hauptwerk geltende Stück wurde zu Lebzeiten des Komponisten nicht aufgeführt und erlebte die ihm zustehende Würdigung durch die alle Register ziehende Inszenierung spät. Die Oper ist ein Denk-, Hör-, Mahn- und Schau-Mal für die Menschen geworden, die das verbrecherische NaziRegime z. B. in Auschwitz nicht überlebt haben, und sie würdigt die Opfer, indem sie sie dem Vergessen entreißt.


Das auf einem Luxusliner und in einem Lager in Auschwitz spielende Werk wäre wohl kaum zu ertragen, wäre in ihm nicht eine wunderbare Liebesgeschichte verankert. Ähnlich wie in dem Buch »Die lange Welle hinter dem Kiel« des tschechischen Autors Pavel Kohout spielt die Handlung auf einem Kreuzfahrtschiff, auf dem sich Täter und Opfer nach dem Krieg begegnen. Doch der Unterschied ist, dass bei Kohout so etwas wie Vergebung zwischen den Protagonisten passiert, in der Vorlage von Zofia Posmysz jedoch nicht.

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Hier vergibt die mit dem Leben davongekommene Martha ihrer Peinigerin, der Lagerwärterin, nicht und stößt diese auf subtile Weise von Beginn an durch ihre ungebeugte, ja ungebrochene Anwesenheit, die völlig frei von Hass ist, entmachtet in die Hölle der Machtlosigkeit und ihrer Schuld. Das ist weitaus befriedigender als bei Kohout und wird letztlich auch zu einer Frage der menschlichen Würde, denn Martha wandelt ihre Zwangslage von der Opferrolle in die eines frei handelnden, menschlich bleibenden Subjekts um. Bei Kohout wählen die beiden Protagonisten den gemeinsamen Freitod, mit dem das Opfer seiner lebensbedrohlichen Krankheit entkommt und der Täter seiner Schuld.

Im Gegensatz zu dem Orwellschen Roman »1984«, in dem das totalitäre Regime verlangt, die eigene Wahrheit zugunsten der Ideologie des Überwachungsstaates zu verleugnen, und den Opfern so ihrer Würde raubt, lassen sich in Weinbergs Oper Martha und ihr Verlobter nicht aus Angst um ihr Leben auf die schäbigen und hinterlistigen Angebote scheinbarer Vorteile ein. Sie würden lieber sterben, als nach den Spielregeln des Unrechtsstaates zu funktionieren. Das ist die wunderbare Botschaft des Films. Sie entscheiden selbst. So ist bei all der Grausamkeit, von der diese Oper erzählt, eine wunderbare Botschaft herauszuhören. Integer bleiben, bis zuletzt, ist die bittere Arznei, mit der Martha und ihr Verlobter die Wärterin entmachten.

Die Filmdokumentation gibt es auf DVD zu kaufen, und sie ist weit mehr als nur empfehlenswert. Die Musik ist herausragend, die Darsteller sind phänomenal, und die Botschaft ist eindeutig: Martha sagt am Ende des Films, in liebevolle Gedanken an ihren Verlobten und an ihre umgekommenen Kameradinnen versunken: »Es kann keine Vergebung geben, niemals!« Die Schuld ist zu monströs. Barbara Heigl

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