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Historikerin Dr. Henriette Holz stellte die Idee eines Stadtmuseums vor – Stadtrat hat noch keine Entscheidung getroffen

»Die Stadt hat ein Museum verdient«

Traunreut – Hätten Sie gewusst, dass in Traunreut Kaugummi hergestellt wurde? Bei der Vorstellung einer Machbarkeitsstudie und Rahmenkonzeption für ein Stadtmuseum durch die Historikerin Dr. Henriette Holz in der Stadtratssitzung tauchte ein Plakatentwurf auf, auf dem für »Kau-Wai«, den »ersten Kaugummi aus Deutschland«, geworben wird.

Dieser Plakatentwurf belegt, dass in der heutigen Stadt Traunreut Ende der 1940er Jahre Kaugummi produziert wurde. Der Entwurf tauchte bei der Vorstellung einer Machbarkeitsstudie für ein Stadtmuseum in der Sitzung des Traunreuter Stadtrats auf. (Foto: Rasch)

Die handschriftlichen Anmerkungen auf dem Plakatentwurf stammen nachweislich von Peter Obisz, der zwischen 1948 und 1949 Geschäftsführer der Firma »Karl Zach – Chemisch Technische Fabrik St. Georgen Obb.« war, die den Kaugummi herstellte. Dieses Zeitzeugnis hat Fränzi Walter aus Traunreut von ihrem verstorbenen Schwager, Peter Obisz, erhalten. Sie stellte es dem Heimathaus zur Verfügung. Das Plakat zählt mit zum Grundstock an attraktiven potentiellen Exponaten, die im Rahmen einer Inventarisierung durch Stephanie Steiner als ausgewiesene Museums-Fachkraft in einem Depot lagern und darauf warten, in einem Stadtmuseum der breiten Öffentlichkeit präsentiert zu werden.

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»Mit Waffelresten Ziegen und Schweine gefüttert«

Nach unseren Recherchen war die Firma Zach in einem ehemaligen Muna-Gebäude in der heutigen Innenstadt untergebracht. Die Firma hatte vorher zahntechnische Produkte hergestellt. Dabei entstand die Idee, die Abdruckmasse für Gebisse als Basis für eine Kaugummiproduktion zu verwenden. An der Entwicklung war der dort angestellte Chemiker Wilhelm Anton Kraus beteiligt. Der Kaugummi wurde aber nur ein oder zwei Jahre hergestellt, danach versuchte sich die Firma in der Waffelproduktion. Ganz zur Freude der Kinder, die damals in den Baracken aufgewachsen sind und in der Müllhalde, in der Waffelreste und Kaugummis entsorgt wurden, eine »Goldgrube« entdeckten. »Das war ein beliebter Platz, hier gab es diverse Dinge zu finden«, erinnert sich Ute Dressler. »Es hat uns nicht interessiert, ob die Kaugummis abgelaufen waren. Und krank geworden sind wir auch nicht.« Auch Fränzi Walter kann sich noch gut daran erinnern: »Mit den Waffelresten haben wir unsere Ziegen und Schweine gefüttert.«

Die Menschen, die sich nach der Vertreibung aus ihrer Heimat in der heutigen Stadt Traunreut angesiedelt hatten, leisteten beispiellose Aufbauarbeit: Aus der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Sankt Georgen ist die größte Stadt im Landkreis Traunstein entstanden. Ziel der Erfolgsgeschichte und ein gutes und symbolträchtiges Datum für die Eröffnung eines Stadtmuseums könnte in den Augen der Historikerin der 70. Jahrestag der Gründung der Gemeinde Traunreut, gleichzeitig 60. Stadtgeburtstag, im Jahr 2020 sein.

Traunreut könne auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken, wie sie nur wenige Städte in den vergangenen Jahrzehnten erleben durften und die hinreichend Anlass zum Stolz bieten sollte, sagte Holz. Ein Stadtmuseum, in dem die Erfolge der Stadt in ihrer historischen Entwicklung dargestellt und dokumentiert würden, könnte für die Traunreuter selbst ein wichtiger Ort der Selbstvergewisserung werden. »Die Stadt hat ein Museum verdient«, betonte Dr. Henriette Holz. Die Bestandsaufnahme habe ergeben, dass wesentliche Voraussetzungen für die Einrichtung eines Museums bereits erfüllt seien. Zudem existiere im größeren Umkreis kein Haus mit einer vergleichbaren Ausrichtung. Traunreut biete Themen, die andere nicht haben, betonte die Historikerin. Ein Traunreuter Stadtmuseum sollte sich mit der Vorgeschichte als »Heeresmunitionsanstalt Sankt Georgen« und der prägenden Zeit der Entgiftung und des Neubeginns im Provisorium befassen. Ein weiterer Schwerpunkt sollte auf der Entwicklung des Industriestandorts liegen, der die Erfolgsgeschichte der Stadt maßgeblich geprägt habe. Der Bereich »Industriemuseum« würde dem Stadtmuseum nicht nur ein Alleinstellungsmerkmal in der regionalen Museumslandschaft verschaffen, sondern darüber hinaus auch ein für verschiedene Zielgruppen attraktives Ausstellungsangebot darstellen.

Neubau im Umfeld des k1?

Zur Standortfrage teilte Holz mit, dass bereits mehrere Vorschläge diskutiert worden seien. Eine Option wäre ein Um- und Ausbau des Heimathauses, wobei hier zu berücksichtigen sei, dass dort vom Verein Heimathaus sehr viele Veranstaltungen stattfinden. Eine weitere sehr gute, aber vermutlich teuerste Option, wäre ein Neubau im Umfeld des k1.

Ein Neubau hätte den Vorteil, im Rahmen der Städtebauförderung an Fördergelder zu kommen. Zudem bestünde die Möglichkeit, mehrere Institutionen, wie das Stadtarchiv oder die Bücherei, unter einem Dach unterzubringen und entsprechende Synergie-Effekte bei den Betriebskosten zu nutzen. Dass eine solche Einrichtung auch mit Kosten verbunden sei, verstehe sich von selbst.

Bei ihren Berechnungen ging die Historikerin von einer Gesamtfläche von 1200 bis 1500 Quadratmeter aus. Rund 700 Quadratmeter sollten für die Dauerausstellung und etwa 200 Quadratmeter für Sonderausstellungsflächen vorgehalten werden. Dazu kämen noch Nebenräume und ein Depot, dessen Fläche von der Sammlung abhänge, die bislang noch einige Lücken aufweise und ergänzt werden müsste. Ein Museum in der Größenordnung einzurichten, würde mit rund 500 000 Euro zu Buche schlagen. Darin sind die Miet- oder Neubaukosten aber nicht berücksichtigt. Ausgehend von Gesamtausgaben in Höhe von 150 000 bis 180 000 Euro bei angenommenen 28 000 Euro Einnahmen, ist mit einem jährlichen Defizit von 120 000 bis 150 000 Euro zu rechnen.

»Von einer Ausstellung sind wir noch weit weg«

Sollte sich der Stadtrat für die Einrichtung eines Museums entscheiden, gäbe es noch eine Menge Hausaufgaben zu erledigen, sagte Ortsheimatpfleger Johannes Danner. »Von einer Ausstellung sind wir noch weit weg«, so Danner. Realistisch sind für ihn die nächsten vier bis fünf Jahre. Bis dahin müsse aber weiter gesammelt werden, um das seit zwei Jahren professionell archivierte Material zu ergänzen.

Dass ein Museum machbar wäre, dessen ist sich Dr. Michael Elsen (CSU) sicher. »Die Frage ist, ob wir uns das leisten können.« Die Anregung von Dr. Elsen, die ehemaligen Gemeinden von Traunreut mit einzubinden, sollten nach Ansicht der Historikerin nicht im Vordergrund stehen, aber auch nicht ausgelassen werden.

»Das Geld ist gar nicht da«

»Den Schwerpunkt des Museums auf die Industrie zu legen gefällt mir, zumal wir auch eine Industriestadt sind«, sagte Christian Stoib (SPD). Der Vorschlag von Bürgermeister Klaus Ritter, der Stadtrat sollte zeitnah eine Grundsatzentscheidung treffen, stieß nicht nur bei Stoib auf Gegenliebe. Ritter schlug vor, zunächst die Stellungnahmen des Heimathauses und des Ortsheimatpflegers einzuholen und in den Fraktionen zu diskutieren. In einer der nächsten Sitzungen sollte dann eine Entscheidung getroffen werden. »Wenn wir das wieder zwei, drei Monate sacken lassen, dann weiß wieder kein Mensch was davon«, betonte das Stadtoberhaupt.

Sepp Winkler (Bürgerliste) kritisierte die Haltung des Bürgermeisters. »Ich finde es bitter, Leute in eine Planung rein zu treiben um dann festzustellen, das Geld ist gar nicht da.« Günther Dizal (SPD) schlug vor, die Sammlung voranzutreiben und die Firmen mit einzubinden. »Wir sollten schon langsam aktiv werden.« Auch Martin Czepan (Grüne) sprach sich für eine Einbeziehung der Firmen aus und regte an, ein Museum mit dem Traunreuter Geschichtsweg zu verbinden. Die Historikerin könnte sich auch gut vorstellen, mit den Schulen und Kindergärten zu kooperieren. Mögliche Zuschüsse stellte sie bei einem Neubau in Aussicht. Eine erfolgsversprechende Adresse bei einem Neubau könnte die Städtebauförderung sein. Ein Beschluss wurde nicht gefasst. Zunächst wollen sich die Räte intern in den Fraktionen beraten. ga