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»Die Tiere sind meine Buam und meine Dianein«

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Königssee: Sennerin pflegt auf der Priesbergalm ihre Freundschaft mit Almvieh
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Die »Keiwein« sind die Lieblinge der Sennerin.

Schönau am Königssee – Annemarie Eder ist Sennerin aus Leidenschaft. Sie arbeitet unentgeltlich für mehrere Bauern. Dies sind die Familie Brandner vom Schusterbistllehen, die Familie Hölzl vom Tristramlehen, der Reif Wofi vom Almberg, der Fendt Bernd von der Scheffau und Andreas Rieger aus Teisendorf. Insgesamt betreut sie 32 Jungtiere (»Koim und Keiwei«), darunter fünf Ochsen.


Aufgetrieben wurden die Tiere zuerst auf Königsbach, dann waren sie am Priesberg und ab heute werden sie drei Wochen lang die Hohen Roßfelder abgrasen. Anfang September geht es dann wieder hinunter auf Königsbach und da bleibt das Vieh bis zum Almabtrieb.

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Der Auftrieb zu den Hohen Roßfeldern wird gemeinsam mit allen sechs Priesbergbauern gemacht und es sind insgesamt 120 Tiere. Nur noch die Milchkühe bleiben am Priesberg. Ein Zaun auf den Hohen Roßfeldern wurde letzten Samstag instandgesetzt. Der Auftrieb erfolgt über den Stiergraben. Die Rinder grasen öfters auch direkt unter den Felswänden des Fagsteins. Es kann auch vorkommen, dass sich unter der Rinderherde sogar Gämsen aufhalten.

»Sternei«, »Schneckei« und »Roserl«

Auch hier steigt Sennerin Annemarie in regelmäßigen Abständen hinauf und kümmert sich um die ihr anvertrauten Tiere. Sie kennt jedes Stück mit Namen: »Sternei«, »Schneckei«, »Roserl« oder die Ochsen »Peter« und »Pauli«, um nur ein paar zu nennen. Insgesamt haben ihre Tiere 18 Glocken. Immer hat sie eine Liste dabei und hakelt jedes Tier ab.

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Die Sennerin geht zum Gebetsstein am Priesberg.

Nachschauen, den Gesundheitszustand kontrollieren oder Zusatzfuttermittel wie Kleie, Rübenschnitzel oder Salz verabreichen – all das gehört zu ihren Aufgaben. Altes Brot ist ebenfalls in ihrem Rucksack, »aber am liebsten ist den Tieren frisches Toastbrot«, weiß die Annemarie und schmunzelt. In ihrem Rucksack befindet sich auch eine Notfallapotheke mit homöopathischen Produkten. Ist ein Rind »katarrhig« bekommt es Aconitum, hat es Warzen, verabreicht die Sennerin Thuja und für Verletzungen verwendet sie Arnica.

Mit dabei hat sie auch Salben, wie Lärchenpech, eine Moorsalbe oder Steinöl. »Hat eine einen dicken Fuß, dann reib ich diesen mit Arnicaöl ein«, sagte die Sennerin. Auf die Frage, was sie mit Zecken macht, antwortete sie: »Da mach ich nicht viel Theater, die reiß ich einfach raus.« Von Fliegen sind die Kühe dieses Jahr verschont geblieben. Das ist witterungsbedingt, es hat nämlich viel geregnet, was auch gut für das Wachstum der Natur war. Hier kommt jedoch dazu, dass Annemarie Eder ständig die Wasserstellen im Almgebiet kontrollieren und nach Bedarf ausputzen muss.

Den fünften Sommer auf der Alm

Übernachten kann die Annemarie am Schusterbistl­kaser auf Königsbach oder oben am Priesberg. Beide Kaser putzt sie und schätzt es sehr, dass sie dort übernachten darf. Annemarie Eder arbeitet den fünften Almsommer als Sennerin, wobei sie das Wort »Arbeit« nicht hören will. »Die Tiere sind meine Buam und meine Dianein«, betont sie. Sogar mit den Augen strahlt die Sennerin ihre Tierliebe aus. Annemarie hat zwar meist einen »Stecken« dabei, aber dieser kommt eigentlich nie zum Einsatz.

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Annemarie Eder am Schusterbistlkaser: Die Sennerin behandelt alle ihr anvertrauten Tiere als Freunde und bringt ihnen Respekt entgegen.. (Fotos: Bernhard Stanggassinger)

Beim Besuch des »Anzeiger«-Fotografen war ein Kalb der Meinung, dass beim Guggenkaser das Gras innerhalb des Almzauns besser schmeckt. Die Annemarie öffnete das Almtürl und schob das Rind hinaus, Stock kam keiner zum Einsatz. Wichtig ist der Sennerin der Respekt vor den Tieren, der Tierwelt soll es gut gehen. Der Verbraucher soll bewusst Fleisch essen. »Hinter Billigfleisch steckt Tierleid«, sagt die Sennerin. Jedes Tier habe seinen eigenen Charakter und verspüre Freud und Leid. »Ich beobachte, wie feinfühlig meine Tiere sind und wie sie Freude und Leid zum Ausdruck bringen. Sie trauern, wenn ein Unglück war.«

Unglücke musste die Annemarie schon mehrere miterleben. Gott sei Dank lief es in diesem Almsommer bei ihr gut, aber in ihrem Almgebiet hat es in diesem Sommer schon drei tödliche Unglücke durch Blitzschlag gegeben.

Deshalb geht sie auch immer wieder zum Gebetsstein auf der Priesbergalm. Dieser liegt Richtung Stiergraben und es ist eine Motivtafel mit einer Bitte an die Gottesmutter, den heiligen Leonhard und den heiligen Antonius angebracht.

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Der Schusterbistlkaser am Priesberg.

Weihwasser für die Tiere

»Ich bete für einen guten Almsommer und dass der Almfriede in die Welt hinausgetragen wird«, sagt die gläubige Sennerin. Auch vor dem Auftrieb und vor dem Abtrieb besprengt die Sennerin ihre Tiere mit Weihwasser. Die Annemarie kennt viele Heilkräuter, sie strahlt, wenn sie einen Almrausch, einen Enzian, eine Arnica sieht oder ein Mankei pfeifen hört.

Ganz aufgeregt kam sie während des »Anzeiger«-Besuchs aus dem Keller des Schusterbistlkasers am Priesberg und freute sich riesig, denn sie konnte eine Eidechse retten. Die hatte sich dort verkrochen und wäre alleine nicht mehr ans Tageslicht gekommen. Auch die Begegnung mit ihren Kälbchen kurz vor dem Ui-Kaser war eine Sondervorstellung. Man hatte das Gefühl, als würden sich Freunde treffen. Bernhard Stanggassinger