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Unwetterkatastrophe

Die Tragödie von Mocoa

Die Kraft der Wasser- und Schlammmassen radiert Wohnviertel aus. Die Menschen im kolumbianischen Mocoa verlieren fast alles, Hunderte sterben. Auch weil die Menschen Raubbau an der Natur betrieben haben. Im Land werden Erinnerungen an die Katastrophe von Armero wach.

Katastrophengebiet
Von Soldaten unterstützte Einwohner der Stadt Mocoa in den Trümmern ihrer Stadt. Foto: Ejército Nacional Foto: dpa

Mocoa (dpa) - Wo bisher Häuser standen, haben riesige Steinbrocken alles zermalmt, die Masten des Elektrizitätswerks sind umgeknickt wie Streichhölzer. Die Heimsuchung kam in der Nacht, der Schlaf wurde für viele Menschen zur tödlichen Falle.

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Mocoa, eine beschauliche Stadt am Fuße der kolumbianischen Anden, gegründet 1563 von Gonzalo Avendaño, erlebt an diesem ersten Aprilwochenende seine schwärzesten Stunden.

Es beginnt mit ungewöhnlich heftigem Regen, umliegende Flüsse werden zu reißenden Fluten, es bildet sich eine Schlamm- und Wasserlawine, die von den Berghängen auf die Kleinstadt niedergeht. Mütter, Väter, Kinder, Nachbarn, Freunde: getötet durch die Kraft der Natur, begünstigt durch menschliche Fehler. Stündlich werden die Opferzahlen nach oben korrigiert, Kolumbiens Staatspräsident Juan Manuel Santos hat eine Kuba-Reise abgesagt, er bestätigt vor Ort 112 Tote, bald sind es 150, dann über 200. «Wir wissen nicht, wie viele es werden.»

Er verhängt den Katastrophenzustand, Soldaten retten eingeklemmte Menschen aus den Ruinen, tragen alte Frauen Huckepack aus zerstörten Häusern. Santos betont, in kurzer Zeit sei in der Nacht zum Samstag mehr als 30 Prozent des Regens gefallen, der sonst in einem Monat falle. Der kleine Kevin erzählt, wie das Haus kurz nach Mitternacht anfing zu schwanken, sie retteten sich über die Terrasse - dann brach das Haus zusammen. Ein junger Polizist wird vom Strom mitgerissen, als er gerade versucht, eine Zwölfjährige zu retten, beide ertrinken.

«Das ist eine Tragödie von unvorstellbarem Ausmaß», sagt Sorrel Aroca, Gouverneurin der Region Putumayo. Es gibt keinen Strom und kein Trinkwasser, Handys werden per Autobatterien geladen, um mit Angehörigen per Telefon das Leid zu teilen. In Nacht 1 nach dem Grauen halten sich die Menschen an den Händen, Kerzen spenden Licht.

Wie konnte es dazu in der 40 000-Einwohner-Stadt kommen? In der Nacht zu Samstag setzen heftige Regenfälle ein, nichts Ungewöhnliches für diese Jahreszeit, aber die Mengen sind völlig überraschend. Durch die Hanglage schießt das Wasser herunter und lässt die Flüsse rasend schnell anschwellen. Umweltexperten sehen vor allem die Abholzung an den Berghängen und die Ansiedlung an Flussufern als Gründe für das Ausmaß der Katastrophe. Und sie sehen im Klimawandel den Grund für diese zunehmenden plötzlichen Wetterextreme. Auch im Nachbarland Peru kam es zuletzt zu wochenlangen Überschwemmungen mit 101 Toten.

Die Schlammmassen lassen in Minuten die Flüsse Mocoa, Mulato und Sancoyaco anschwellen, Erdrutsche von den Hängen werden zu tödlichen Lawinen.

Kurz vor Mitternacht, sei er von lautem Krachen aufgeweckt worden, als Schlamm, Felsen und Wasser ganze Viertel unter sich begruben, erzählt der Anwohner Evaristo Garcés der Zeitschrift «Semana». Er und seine Familie überleben, weil sie auf einem Hügel wohnen. Im Morgengrauen sieht er verzweifelte Menschen zu den Bergen laufen, schmutzig, weinend, das wenige Gerettete auf den Schultern.

Alexander López schaffte es gerade noch rechtzeitig, in der Nacht mit seiner Familie aus dem Haus zu fliehen, wie er der Zeitung «El Tiempo» schilderte. Er nahm seine dreijährige Tochter Sarita auf den Arm, mit seiner Frau und der 13 Jahre alten Tochter Karen lief er fünf Minuten lang um ihr Leben, den Hang hinauf. Auf halbem Weg riss das Wasser Tochter Karen weg. Alexander brachte seine Frau und die kleine Tochter Sarita in Sicherheit, lief zurück und konnte Karen aus dem Wasserstrom ziehen. Hinter ihnen verschwand gerade ihr Haus.

In Kolumbien werden sofort Erinnerungen an das nationale Trauma wach. «Mocoa ist ein kleines Armero», sagt der Überlebende Orlando Dávila. Armero, das ist heute wohl das größte Massengrab, durch das eine Schnellstraße führt, auf dem Weg von Bogotá nach Manizales. Vorbei an Hunderten weißen Holzkreuzen mit dem Todesdatum 13. November 1985.

Auch hier brach die Katastrophe in der Nacht herein. Der 5390 hohe Vulkan Nevado del Ruiz brach aus, Lava ließ die Eiskappe schmelzen und löste eine Schlammlawine aus, die rund 25 000 Menschen tötete. Das Bild des in den Schlammmassen qualvoll sterbenden Mädchens Omaira Sánchez ging um die Welt.

Mocoa wurde nicht komplett ausgelöscht, aber die Folgen werden lange nachwirken. Staatsschefs aus aller Welt und Papst Franziskus zeigen sich bestürzt, Johannes Paul II. besuchte damals Armero - Papst Franziskus reist im September nach Kolumbien.

Für einen Eklat sorgt Senator Daniel Cabrales von der konservativen Partei Centro Democrático, die das Friedensabkommen mit der Farc-Guerilla bekämpft. Er macht hier angeblich zurückgelassenen Sprengstoff für die Tragödie verantwortlich. «Mir hat man erzählt, dass die Lawine von dort deponiertem Dynamit der Farc verursacht wurde.» Er wird scharf kritisiert und räumt schließlich ein, dass die Information falsch war.

Stadt Mocoa

Bericht Zeitung El Espectador, Span.

Santos bei Twitter

Luftbilder zum Ausmaß der Katastrophe

Webseite Katastrophendienst UNGRD, Span.