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Die Wahrnehmung hinterfragt – Geschichten hinter dem Bild

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Unser Bild zeigt die 2008 entstandene Fotoarbeit »White Room« von Angela Fechter.

»Dem Abend gesagt« – der Titel der neuen Ausstellung in der Städtischen Galerie Traunstein ist einem Gedicht der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann entnommen und passt sehr gut für die sehr unterschiedlichen Künstlerinnen Yukara Shimizu und Angela Fechter, die hier eine Auswahl ihrer eigenartigen, teils verstörenden und aufwühlenden, teils wunderschönen Fotoarbeiten zeigen. Jede spürt auf ihre besondere Weise den Abgründen, aber auch den Schönheiten der Wirklichkeit nach.


Beim Betreten des Raums im zweiten Stockwerk der Städtischen Galerie muss sich das Auge des Besuchers erst einmal an die ungewöhnliche Dunkelheit, fast Schwärze der ausgestellten Bilder gewöhnen. Alle Fotoarbeiten von Yukara Shimizu sind bei Nacht oder in der späten Dämmerung entstanden, ohne Blitzlicht, lediglich durch lange Belichtung mit Stativ: da sind menschenleere Landschaften, Ausschnitte der Natur wie Blätter, Gräser und Blumen oder vollkommen verlassen wirkende Gebäude, Straßen oder ein kaum beleuchteter Tunnel bei Nacht. Nirgendwo Menschen, eine unheimliche, mit Spannung aufgeladene Stille liegt über den Bildern.

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Hat sich das Auge erst gewöhnt an die dunklen Aufnahmen, so sind trotz ihrer verfremdenden Wirkung unglaublich schöne Motive zu erkennen – glänzende Regentropfen auf dunkelgrünen Blättern, zarte Blüten einer Rose oder Magnolie, ein geheimnisvoller, in Blau getauchter Wald oder die verschlungenen Äste eines Baumes. Beeindruckende Bilder in Stille, höchster Konzentration und Meditation. Sie lassen die Hektik des Alltags plötzlich ganz unwichtig erscheinen, wenngleich die Spannung bleibt. Immer wieder sind Bilder mit »Andauer« überschrieben , wie die sich anscheinend endlos hinziehenden Kanäle.

Yukura Shimizu, 1964 in Tokio geboren, studierte an den Kunsthochschulen in Tokio, London und München. Sie stellte ihre Arbeiten bereits mehrfach in vielen renommierten Häusern in Deutschland und Japan aus und wurde mit verschiedenen hochrangigen Preisen bedacht. Sie lebt in München.

Auf den ersten Blick »leichter« hat es der Besucher im ersten Stock mit den Fotoarbeiten von Angela Fechter, auch sie eine anerkannte Künstlerin. Die Münchnerin besuchte nach einem Germanistik- und Anglistikstudium von 1995 bis 2001 die Akademie der Bildenden Künste in München. Im vorderen Teil des Raumes sind einige Fotoarbeiten Fechters zu sehen, bei denen sie sich mit Frauengestalten und Werken der Kunstgeschichte auseinandersetzt – »Lucretia«, »Magdalena« und »Ophelia«, eine Figur aus Shakespeares »Hamlet«, die sich das Leben nimmt und unter anderem von dem englischen Maler John Everett Millais 1852 im Wasser treibend dargestellt wird.

Das gleiche Motiv wird bei Angela Fechter in die Moderne umgesetzt – hier liegt Ophelia bekleidet in einer Badewanne, was der Betrachter nur durch den Spiegel sieht. Angela Fechter spürt den hundertfach reproduzierten Posen einer »Magdalena«, mit Totenkopf auf dem Schoß vor einer Kerze betend, nach, indem sie sich selbst oder ihre sehr ähnlich aussehende Tochter in diese Posen begibt und (manchmal mit Selbstauslöser) fotografiert.

Immer wieder setzt sie sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit Vorbildern, prägenden Frauenrollen und weiblichen Identitätsmustern auseinander. Bildklischees aus Mythen und Märchen und deren Entsprechung in der Gegenwart, den populären Spielfilmen, scheinen auf – die verschiedensten Frisuren und Kostümierungen, Posen und Körperhaltungen zeigen zum Beispiel die traditionellen Muster und Stereotypien der Weiblichkeit auf. Sie spielt mit der Vorstellung, plötzlich eine ganz andere Frau zu sein. »Das starkfarbige, engsitzende Kleid und die Stöckelschuhe auf der einen Seite, das weiße Hängerkleidchen und die bloßen Füße im Schnee auf der anderen: zwischen Vamp und Un-schuld, zwischen Hure und Heilige scheint es nicht viel mehr Angebote zu geben«, so Judith Bader, die Leiterin der Städti-schen Galerie Traunstein, in ihrer Einführungsrede zur Ausstellung.

Als Künstlerin geht Angela Fechter davon aus, dass es vor allem die suggestive Wirkungskraft der Bilder ist, aber auch sprachliche Bilder, die unsere Vorstellungen, Werte und Normen des Lebens prägen und unsere Gefühle beeinflussen. Frauen in vielen Posen spielen auch eine tragende Rolle im hinteren Teil des Ausstellungsraums, wo Einzelbilder aus einer anscheinend ausgedachten Geschichte rund um ein einsames Häuschen im Wald gezeigt werden. Viele Bilder entstehen im Kopf des Betrachters durch fast zwingende Assoziationen.

Die Ausstellung in der Städtischen Galerie »Dem Abend gesagt« ist bis Sonntag, 27. Juli, jeden Mittwoch bis Freitag von 15 bis 18 Uhr geöffnet, samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr. Ausstellungsrundgänge gibt es am Sonntag, 13. Juli, mit Yukara Shimizu und Sonntag, 27. Juli, mit Angela Fechter jeweils um 15 Uhr. Führungen für Gruppen und Schulklassen, die auf Wunsch auf bestimmte Inhalte und Lehrpläne abgestimmt werden, sind nach Anmeldung auch außerhalb der Öffnungszeiten unter der Telefonnummer 0861/164319 möglich. Christiane Giesen