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Die Welten der Trauer ausgelotet

Tief berührt ließ das ebenso hervorragend zusammengestellte wie interpretierte Passionskonzert in der gut besetzten Pfarrkirche St. Michael die Zuhörer zurück. Viele Inzeller, aber auch zahlreiche auswärtige Besucher waren gekommen, um als Höhepunkte drei Ölberglieder des Inzeller Komponisten Anton Cajetan Adlgasser und das Stabat Mater von Antonio Vivaldi zu hören.

Die Solisten Heinrich Albrecht, Steve Wächter und Anna Willerding (v.li.) sowie alle Mitwirkenden erhielten begeisterten Applaus. (Foto: Mergenthal)

Bereits 2011 und 2012 war die C-Dur-Messe von Adlgasser in Inzell im Rahmen von Gottesdiensten aufgeführt worden. Nun bestand durch das glückliche Zusammenwirken vieler Beteiligter nach längerer Pause wieder die Gelegenheit, Adlgasser im Rahmen eines Konzerts zu hören. Der Traunsteiner Komponist und Inzeller Musiklehrer Patrick Pföß setzte das Vorhaben zusammen mit passionierten Profimusikerinnen und -musikern, drei Solosängern und dem Kirchenchor Inzell in die Tat um.

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Eine spirituell dichte Atmosphäre schuf der Chor mit dem einleitenden gregorianischen Choral »Crucem tuam« im Wechsel mit Vorsänger Heinrich Albrecht: »Dein Kreuz beten wir an, o Herr, und deine heilige Auferstehung loben und preisen wir; Denn siehe: Durch das Holz des Kreuzes kommt Freude in die ganze Welt.« Pföß erschloss mit kurzen Einführungen die musikalischen Hintergründe der Werke auch für Laien.

Die nun folgende Passions-Sinfonia von Antonia Caldara, ab 1716 Vizekapellmeister in Wien, setzte in den vier Sätzen vier Szenen der Passion in Musik um: das Gebet Jesu im Garten Getsemane, die Szene am Hof des Pilatus, den Sturz Jesu am Kreuzweg und seine Begegnung mit Veronika mit dem Schweißtuch sowie die drei Marien unter dem Kreuz. Wunderbare Klagemotive der Streicher wechselten mit einer lebhaften Fuge und meditativen Passagen. Es war eine Freude, hier wie auch bei den Begleitungen der Solisten das filigrane, transparente Klanggewebe und das hingebungsvolle, sanft schwingende Spiel in dem kleinen Orchester mit zu verfolgen: Cora Stiehler und Constanze Germann-Bauer an den Violinen, Sabine Kübler an der Viola, Simon Nagl am Cello, Ingo Nagel am Kontrabass und Elke Michel-Blagrave an der Orgel.

Der Dresdner Countertenor Steve Wächter hauchte dem von Vivaldi im »Stabat Mater« in Szene gesetzten Leid der Gottesmutter beim Anblick des Gekreuzigten auf einmalige Weise Leben ein – mit beeindruckender Bühnenpräsenz, prägnanter Sprache sowie höchst kraftvoller und eindringlicher Stimme, die einzelne Töne eindrucksvoll an- und abschwellen ließ.

Er modellierte jeden Ton und lotete die Welten der Trauer aus – von der Erstarrung über die stille, kontemplative Betrachtung bis hin zur bewegten Schilderung der Gewalt in Jesu Martyrium. Ein Gänsehautgefühl hinterließ er im Wechselspiel mit den flirrenden Geigen bei der siebten Strophe, in der sich der Glaubende in Liebe mit der Schmerzensmutter verbindet.

Verschiedene Arten des Bebens und Zitterns bei der Kreuzesabnahme Jesu schilderte das von einem Bild von Fra Angelico inspirierte Werk von Pföß »…et sepultus est«, dem sich die Musiker mutig stellten, mit Klängen, die am Ende ins kaum mehr Hörbare entschwanden.

Die Dramatik am Ölberg setzte Adlgasser in Dialoge zwischen einem Engel und Christus um, überzeugend interpretiert von Anna Willerdings glockenklarem Sopran und Heinrich Albrechts wohltönendem Bariton. Dass das erste und dritte Lied in strahlender Dur stehen, liegt wohl daran, dass Christus hier nicht so sehr als Schmerzensmann, sondern eher als souveräner Himmelskönig gesehen wird. Gefasst tritt der Erlöser im ersten Lied auf, um im zweiten in tiefe Trauer zu fallen.

Durch rasche Wortwechsel spitzt sich im dritten Lied Jesu Ringen mit seiner Angst zu, bis er sich am Ende in den Willen des Vaters ergeben kann. Mit »Ecce lignum Crucis« klang das Konzert durch den Kirchenchor stimmig aus. Für den kräftigen Applaus gab es als Zugabe nochmal das erste Ölberglied. Veronika Mergenthal