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»Die Würde der Liturgie muss gewahrt bleiben, wir testen das jetzt«

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Traunstein: Erste Gottesdienste am Wochenende nach Corona-Pause unter Auflagen
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In der Stadtkirche Traunstein wird nur noch in Heilig Kreuz (unser Bild) und in Haslach Gottesdienst gefeiert – alle anderen Kirchen erfüllen die strengen Auflagen nicht. (Fotos: Wannisch)

Traunstein – Es wird ein Experiment – da sind sich der katholische Stadtpfarrer Georg Lindl und sein evangelischer Kollege, Dekan Peter Bertram einig: Denn ab kommendem Wochenende werden wieder Gottesdienste zelebriert, mit Mund-Nase-Bedeckung, reduzierter Zahl an Gläubigen und maximalem Sicherheitsabstand.


Die Pfarrgemeinden befinden sich in einem Zwiespalt, das gibt Lindl im Gespräch mit unserer Zeitung ganz offen zu: »Kirchen wollen keine Virenschleudern sein«, aber dem großen Bedürfnis der Gläubigen nach Seelsorge soll endlich wieder Rechnung getragen werden.

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Daher wurden nun die Meterstäbe ausgepackt. Mit ernüchternden Ergebnissen, wie Dekan Peter Bertram durchaus zugibt. »In der Auferstehungskirche in Traunstein passen rund 300 Gläubige, unter Berücksichtigung der Abstandsregeln aber nur noch 50.«

Das wird seiner vorsichtigen Schätzung nach aber nicht reichen, um all die Gläubigen – zwischen 70 und 80 Besucher kommen normalerweise zum Gottesdienst – unterzubringen. Wie viele genau kommen werden, das wissen die evangelischen Pfarrer allerdings nicht. Denn, es wird bewusst auf ein Anmeldesystem verzichtet.

Keine Anmeldung für evangelische Gemeinden

Dies habe mit dem evangelischen Selbstverständnis zu tun: »Bei uns basiert das Gottesdienstverhalten auf der Freiheit des Christenmenschen, ist also nicht zentral auf den Sonntagsgottesdienst fixiert«, erklärt Bertram. Das habe sich bereits bei dem Angebot des Abholdienstes gezeigt, dass die Gläubigen lieber spontan entscheiden, als sich vorab zu verpflichten. »Im Zweifelsfall müssen wir Gläubige abweisen«, sagt der Dekan. Ob es soweit allerdings überhaupt komme, werde man sehen.

Zuvor müssen in den jeweiligen evangelischen Gemeinden auch noch die Kirchenvorstände tagen, denn sie entscheiden letztlich über die genaue Gottesdienstpraxis. Daher findet in Traunstein der erste Gottesdienst auch erst am 17. Mai statt. Keine Messen werden bis auf Weiteres in Waging und Chieming sowie im Reit im Winkler Bergkirchlein stattfinden, diese Kirchenräume sind schlicht zu klein.

Gläubige abweisen, das muss sein katholischer Kollege Georg Lindl hoffentlich nicht. In den allermeisten Pfarrämtern können sich die Gläubigen anmelden. So behalten die Verantwortlichen den Überblick, wie viele Gläubige zum Gottesdienst wollen. »Die Resonanz ist sehr positiv, wir werden die Kirchen am Wochenende 'voll' bekommen«, sagt Lindl.

In der Stadtkirche Traunstein finden allerdings nicht in allen Gotteshäusern Messen statt. »Auf Kammer, Surberg und die Salinenkirche müssen wir verzichten, dort können die Abstandsregelungen nicht eingehalten werden«, bedauert Lindl. Daher finden nur in Heilig Kreuz und in Haslach Gottesdienste statt.

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Die gelben Zettel, die mehrheitlich an der Rückenlehne kleben, weisen darauf hin, wo man künftig sitzen darf.

Um kein Risiko einzugehen, gibt es drei unabhängige Teams, die aus jeweils einem Mesner, einem Kirchenmusiker und einem Zelebranten bestehen. Für Haslach ist Pfarrvikar Martin Gehringer und für Heilig Kreuz Pfarrvikar Christoph Zirkelbach zuständig. Lindl selbst zelebriert künftig nur in St. Nikolaus in Übersee.

Katholische Messen mit Eucharistiefeier

Was für Lindl zudem ein großes Experiment wird, ist die Kommunionausteilung, die künftig mit Mund-Nasen-Bedeckung, Handschuhen und Zange erfolgt. »Es ist undenkbar, dass nur der Priester allein die Kommunion empfängt, da kann ich niemanden ausschließen – also entweder alle oder keiner.«

Dennoch bezweifelt er, dass er unter diesen Umständen das Austeilen der Hostie für ihn ein positives Erlebnis wird, »es wird sehr abstrus«. Daher halte man sich offen, künftig vielleicht mehr auf Wortgottesdienste zu setzen, wenn sich die Eucharistiefeier unter diesen Bedingungen nicht bewähren sollte. »Die Würde der Liturgie muss gewahrt bleiben, wir testen das jetzt.«

Auf dieses Experiment lassen sich die evangelischen Kirchengemeinden daher erst gar nicht ein. »Wir verzichten auf absehbare Zeit auf die Abendmahlfeier bei unseren Gottesdiensten, da die Hygienevorschriften es unmöglich machen, der Feier des Abendmahls gerecht zu werden«, bestätigt Dekan Peter Bertram.

Viel mehr bedauert es Bertram, dass auf Kirchenmusik in weiten Teilen verzichtet werden muss. »Nur die Orgel darf spielen, Blasinstrumente sind verboten ebenso wie Gemeindegesang, das schmerzt sehr.«

Obwohl Taufen und kirchliche Trauungen wieder möglich sind, bleibt Bertram zurückhaltend. »Hochzeiten werden meist sowieso verschoben, und über Taufen entscheiden wir im Einzelfall.« Lindl hingegen hat am Samstag seine erste Taufe im Ettendorfer Kircherl. Das ist möglich, da bei Taufen maximal 15 Personen zugelassen sind. »Bei der Segnung des Täuflings legen nun die Eltern die Hand auf, das Chrisamöl wird mit einem Wattestäbchen aufgetragen, der Kontakt zum Kind so kurz und minimal wie möglich gehalten«, sagt Lindl und merkt an: »Es werden trotz der Beschränkungen derzeit viele Taufen angemeldet«.

Auch in der rumänisch-orthodoxen Kirche können nach langer Pause wieder Gottesdienste stattfinden. Pfarrer Constantin Reinhold Bartok ist allerdings noch ziemlich ratlos, wie sie unter den vorgegebenen Beschränkungen aussehen sollen.

Rumänisch-orthodoxe Gemeinde etwas ratlos

Die Vorgaben, wie Gottesdienste in Coronazeiten auszusehen haben und welche Einschränkungen auferlegt werden, wurden nach Meinung des orthodoxen Geistlichen für die großen katholischen und evangelischen Kirchen in Deutschland gemacht. Für alle anderen Glaubensrichtungen seien sie ungeeignet. Ein Problem für ihn ist allein schon die Beschränkung auf eine Stunde. Eine katholische Messe dauere ungefähr so lange. »Da fängt es bei uns erst richtig an. Was soll ich dann weglassen? Muss ich nach 60 Minuten die Leute rausschmeißen«, fragt sich Bartok. Die orthodoxen Gottesdienste dauern in der Regel mehrere Stunden.

Allerdings sieht Pfarrer Bartok einen Vorteil darin, dass es in seiner Kirche ein ständiges Kommen und Gehen während des Gottesdienstes gibt, so dass nie alle Besucher gleichzeitig drinnen sind. Es gibt auch keine Stühle oder Bänke im Kirchenraum. Deshalb müssen die Gläubigen selber Abstand halten. Am Eingang werde künftig Desinfektionsmittel bereitstehen und Helfer vor Ort sein, die Ikonen, welche von den Gläubigen berührt wurden, sofort wieder abputzen.

Ein Umdenken ist auch bei der Reichung der Kommunion notwendig. In der orthodoxen Kirche bekommen alle Gläubigen mit einem silbernen Löffel aus dem Kelch in Wein getauchtes Brot gereicht. Jetzt muss der Löffel nach jeder Person gereinigt werden. »Wir wissen selber noch nicht so ganz genau, wie es ablaufen wird«, sagt der etwas ratlose Priester, ist aber dennoch guter Dinge: »Wir legen es in Gottes Hände.« Der Ruf der Gläubigen nach der gemeinsamen Feier sei schon sehr deutlich geworden, »sie wollen unbedingt wieder zum Gottesdienst kommen«.

Am Sonntag wird der erste große Gottesdienst gefeiert. »Ich werde dann die Türen ganz weit öffnen, dass auch draußen noch Leute stehen und ihn mit verfolgen können«, verspricht Pfarrer Bartok. vew/mix