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Über ein Spendenprojekt konnten Konserven, Nudeln oder süße Aufstriche auf Vorrat angeschafft werden, die dann zusätzlich verteilt werden. Grundsätzlich darf aber nach den Richtlinien nichts zugekauft werden, sagt Tafelleiterin Rosl Hübner. Spendengelder müssen normalerweise für andere Ausgaben der Tafel wie Mieten, Stromkosten, Fahrzeug, Benzin usw. verwendet werden. (Fotos: Rasch)

»Die Zahl der Bedürftigen hat massiv zugenommen«: Traunreuter Tafel versorgt pro Woche bis zu 500 in Not geratene Mitbürger

Traunreut – Die bundesweit mehr als 950 gemeinnützigen Tafeln beobachten eine neue Armut in Deutschland und sind selbst vor große Herausforderungen gestellt. Das trifft auch auf die Traunreuter Tafel des Evangelisch-Lutherischen Gemeindevereins zu. »Die Zahl der Bedürftigen hat massiv zugenommen. Es kommen spürbar mehr. Gleichzeitig geben vor allem die Discounter weniger Lebensmittel an die Tafel ab«, beklagt Rosl Hübner. Die Tafelleiterin ist trotzdem zufrieden mit den Lebensmittelspenden und lobt ihr ehrenamtliches Team: »Eigentlich läuft die Tafel gut.«


»Jeder gibt, was er kann« – unter diesem Motto der Traunreuter Tafel spendet der Bäcker oder Supermarkt Lebensmittel, andere helfen mit Sach- oder Geldspenden, um Menschen, die in finanzielle Not geraten sind, zu unterstützen. Neu ist angesichts des großen Bedarfs ein Spendenprojekt, das der Tafel erlaubt, von Spendengeldern Lebensmittel einzukaufen. Normalerweise müssen Spendengelder für andere Ausgaben wie Miete, Fahrzeug, Strom, Benzin usw. verwendet werden. »Die Richtlinien der Tafeln sagen eigentlich aus, dass nichts zugekauft werden darf. Die Spenden von Vereinen wie beispielsweise des Lions Clubs, der die Tafel mit 2000 Euro unterstützt hat, sind eine Ausnahme. Wir haben von dem Geld haltbare Lebensmittel wie Konserven, Nudeln, Milch oder süßen Aufstrich gekauft, die wir bei Bedarf zusätzlich verteilen«, so Hübner.

Die Hintergründe und Schicksale der Bedürftigen sind unter anderen zu geringe Renten, Hartz IV- oder Arbeitslosengeld-II-Empfänger, aber auch Integrationsprobleme. Für diese Menschen ist die Tafel ein Segen. Die Zahl der Bedürftigen in der Stadt Traunreut stimmt die Tafelleiterin nachdenklich. Waren es vor 20 Jahren, als die Tafel gegründet wurde rund 40 Bedürftige, kommen heute 500 Menschen an den drei Ausgabe-Tagen, Montag, Mittwoch und Freitag. Hübner vermutet aber, dass die Dunkelziffer an Bedürftigen viel höher ist. Heute wie damals würden viele der in Not geratenen Menschen sich davor scheuen, das Angebot der Tafel anzunehmen. Hübner betont jedoch, dass die Tafel kein Vollversorger sei. »Wir können nur unterstützen, aber nicht den ganzen Lebensunterhalt bestreiten.«

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Im Moment hält sich die Menschenschlange vor der Ausgabe der Traunreuter Tafel in Grenzen. Nach den Ferien sieht es wieder anders aus. Bis zu 500 Bedürftige versorgt die Tafel pro Woche mit Lebensmitteln.

Im Moment ist es aufgrund der Sommerferien etwas ruhiger, wenn im Egerweg die Ausgabe-Fenster für die Tafelkunden öffnen. An normalen Zeiten sei der besucherstärkste Tag mit über 200 Menschen der Freitag«, sagte Hübner dem Traunsteiner Tagblatt. Mehr als 25 Prozent der Tafelkunden seien Flüchtlinge. Die Tafelkunden müssten alle erforderlichen Unterlagen und Daten vorlegen, um einen Berechtigungsschein zu erhalten. Pro Person und pro Woche werde auch ein Obolus von 50 Cent verlangt, erklärt die Tafelleiterin.

Das Team um Rosl Hübner arbeitet ausschließlich ehrenamtlich. Mit dem Tafel-eigenen Lieferfahrzeug holen die Fahrer täglich die Waren im Umkreis von rund 40 Kilometern ab. In den Anfängen, erinnert sich Hübner, sei man noch mit den Privatautos gefahren, um beim Bäcker oder in den Discountern die Lebensmittel abzuholen. Das sei aber mittlerweile verboten; es muss ein Kühlfahrzeug vorgehalten werden. Durch Corona seien auch die hygienischen Vorschriften verschärft worden und jede Helferin und jeder Helfer müsse eine Infektionsschutzunterweisung vorhalten. »Wir achten sehr darauf und versuchen jede Woche bei der Ausgabe die gleichen Helfergruppen einzuteilen«, so Hübner. Das Gleiche gelte auch beim Sortieren der Ware. Extra hygienefreundlich sind auch die vier praktischen Ausgabefenster. Ein Gönner der Tafel habe maßgeschneiderte Spuckschutz-Fenster gebaut, die man von innen in den Fensterrahmen einsetzen könne.

Die Tafel in Traunreut gibt es seit fast 25 Jahren. 1999 wurde sie als Untergruppe des Evangelisch-Lutherischen Gemeindevereins ins Leben gerufen. Anfangs wurden Bedürftige nur an den Samstagen mit Lebensmitteln versorgt. Wegen des raschen Anstiegs der Tafelkunden wurde auch eine neue Logistik notwendig. So wurden am Egerweg neue Räume angemietet und die Ausgabe an die Kunden auf drei Tage ausgedehnt. Wie Hübner betont, mache die Traunreuter Tafel auch keine Ferien und würde sich über weitere Mitarbeiter freuen. Aktuell leiste zum Beispiel auch ein junger Helfer seine verhängten Sozialstunden bei der Tafel ab.

ga